21.05.2021 - #Gesellschaft #Gender im Islam

Asma Lamrabet und das mühsame Ringen um Gleichberechtigung

Dieser Beitrag befasst sich mit der marokkanischen Ärztin und Feministin Asma Lamrabet. Sie steht für ein kontextbezogenes und gendergerechtes Verständnis der islamischen Quellen sowie ein liberales Islamverständnis. Jahrelang war sie Direktorin des marokkanischen Zentrums für Frauenstudien im Islam, bis sie auf Druck konservativer Kreise diese Stellung aufgeben musste.


Asma Lamrabet ist eine marokkanische Ärztin, die sich seit Jahren mit einer gendergerechten Koranauslegung befasst und für die gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung von Frauen eintritt. Sie erforscht einen feministischen Zugang zu Religion und kooperiert dabei mit christlichen und jüdischen Theologinnen.1

Bis März 2018 leitete sie das, 2006 vom König gegründete, marokkanische Zentrum für Frauenstudien im Islam (Centre d’Etudes Féminines en Islam), welches dem staatlichen Gelehrtenrat in Rabat (Rabita Mohammadia des Oulémas du Maroc) unterstellt ist. Dies ist insofern bemerkenswert, als sie keine islamisch-theologische Ausbildung absolviert hat. Noch bemerkenswerter – und begleitet von großer medialer Resonanz in Marokko – ist der Umstand, dass Lamrabet auf Druck des konservativen Flügels unter den Religionsgelehrten nach sieben Jahren als Direktorin dieses Zentrums zum Rücktritt gezwungen wurde. Grund hierfür waren ihre Ansichten zur Gleichheit von Mann und Frau bezüglich der Erbschaftsregelungen im marokkanischen Familienrecht, welches trotz Reformen und Verbesserungen zugunsten der Stellung der Frau immer noch massiv benachteiligend ist und insbesondere ärmere Frauen oftmals in ihrer Existenz bedroht. Dies hat zur Folge, dass häufig mittels Schenkungen zu Lebzeiten versucht wird, die Erbschaftsgesetze zu umgehen.2 Seit einigen Jahren ist in Marokko eine Diskussion um diese Gesetze im Gange, insbesondere seit einer Empfehlung des Nationalen Rats für Menschenrechte (Conseil national des droits de l’homme) im Jahr 2015 für Geschlechtergleichheit im Erbrecht. Im März 2018 initiierte die Psychologin Siham Benchekroun aus Casablanca eine Petition, in welcher die Abschaffung des islamischen Erbrechts verlangt wird, weil dieses „nicht mehr der Situation marokkanischer Familien und dem aktuellen sozialen Kontext“3 entspreche. In der Folge wurde die Debatte neu angefacht und eine Konsequenz daraus war der erzwungene Rücktritt Asma Lamrabets, nachdem sie auf einer Konferenz deutlich ein Ende der Benachteiligung von Frauen durch das bestehende islamische Erbrecht gefordert hatte.4 In einem schriftlichen Statement zu ihrem Rücktritt stellte Lamrabet klar: „Ich bin immer für eine progressive, reformistische und entpolitisierte Lesart des Koran eingetreten, um einen neuen Zugang für Frauen zu finden“5 und ihr Ziel sei stets „eine Dekonstruktion von patriarchalen und rigoristischen Lesarten.“6

Im Folgenden sollen nun die Ansichten Lamrabets zu einigen Themenbereichen kurz skizziert werden:

Erbschaft

Die vom Koran einst neu eingeführte Möglichkeit für Frauen, selbst zu erben, nennt Lamrabet „die Revolution des Islam und des Propheten“7. Anstelle einer wörtlichen Auslegung der in Bezug auf Erbschaft relevanten Koranstellen tritt sie für die Wahrung des Prinzips der Gerechtigkeit ein, welches als Absicht hinter den koranischen Regelungen stehe. Für die Gegenwart bedeute dies, Frauen denselben Erbanteil zuzugestehen wie den Männern, was „heutzutage in den muslimischen Ländern nicht mehr tabu sein [sollte]“8. Dies begründet sie damit, dass sich die gesellschaftlichen Umstände gewandelt hätten und die – damals übliche – Versorgung der Frauen durch männliche Familienmitglieder nicht mehr gegeben sei.9 

Stellung der Frau

Was wir heute unter Feminismus verstehen, existierte zur Zeit der Entstehung des Islams noch nicht. Frauen hatten keine Rechte – im Gegenteil zählten sie selbst zur Erbmasse und galten im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen als Kriegsbeute. Der Prophet Muhammad habe jedoch „die Traditionen in Bezug auf Frauen ein Stück weit umgestoßen“10 und sich „damals wirklich für die Rechte von Frauen eingesetzt“11, meint Lamrabet. Der Prophet habe die Frauen nicht als Objekte betrachtet, sondern sie als Individuen zur Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben ermutigt. Die erwünschte Anwesenheit von Frauen in der Moschee von damals steht in Kontrast zu ihrer Verbannung aus der Moschee von heute.12

Lamrabet argumentiert, dass arabisch-muslimische Gesellschaften auch heute noch machistisch und frauenentwertend geprägt seien und die Interpretation von Religion immer in Männerhand gewesen sei und immer noch ist.13 Grund dafür seien die „Männer[…], die das Monopol des Heiligen haben wollten, denn das bedeutet Macht.“14

Kopftuch

In der Debatte um das Kopftuch muslimischer Frauen tritt Lamrabet für die unbedingte Wahlfreiheit der Frauen ein, die sie aber oftmals nicht hätten.15 „Eine Frau zu zwingen oder ihr zu verbieten, das Kopftuch anzulegen, entspringt für mich der gleichen totalitären Logik“16, meint sie in einem Interview, und weiter:

„Die Frage des Kopftuchs nenne ich eine kollektive Hysterie. […] Das ist Ergebnis einer kolonialen Erinnerung, die noch nicht vernarbt ist, und einer politischen Ideologie. Denn wenn wir uns den Koran anschauen, dann ist das Tragen des Kopftuchs all meiner Forschung zufolge keine Pflicht. Es ist eine spirituelle Wahl, die man den Frauen überlassen muss.“17

Sie weist darauf hin, dass viele junge Frauen heute nicht aufgrund von Vater oder Bruder ein Tuch tragen würden, wie so häufig unterstellt werde. Vielmehr hätten diese Frauen ein Schuldgefühl, weil ihnen seitens der Theologen mehrheitlich vermittelt werde, dass der Koran das Kopftuch vorschreibe. Lamrabet fordert die Frauen auf, sich selbst mit dem Koran zu befassen und weist darauf hin, dass die relevanten Stellen kontextuell zu verstehen seien, die den Frauen zudem einen Handlungsspielraum gewährten. Ebenso wie gegen den Zwang in der Kopftuchfrage wendet sich Lamrabet auch gegen die Unterstellung, Frauen mit Kopftuch seien rückständig und nicht emanzipiert.18   

Motivation

Als eigene Motivation, sich mit den Themen Islam, kontextbezogene und frauengerechte Koranauslegung zu befassen, nennt sie als Ausgangspunkt ihre persönliche Suche nach dem „Sinn meiner Kultur, meiner Identität, meiner Religion. Ich war gläubig, […] aber ich mochte zugleich die traditionelle frauendiskriminierende Kultur nicht.“19 Ausgestattet mit einem „neugierigen, kritischen Geist[…]“20 begann sie daher, sich intensiv mit dem Koran und den prophetischen Überlieferungen zu beschäftigen, denn sie sei „nicht der Frauentyp, um von irgendjemandem Vorschriften zu erhalten: Gott sagt das, deswegen musst Du es tun und dazu schweigen.“21 Im Lauf ihrer Forschungen habe sie die große Diskrepanz erkannt „zwischen dem, was der Koran sagt und nicht sagt und dem, was man in ihn hineinliest und was man uns jahrhundertelang als nicht zu diskutierende Gebote präsentiert hat.“22 Wichtig sind für Lamrabet ein stets kritisches Hinterfragen (auch sich selbst gegenüber), sowie eine respektvolle Haltung angesichts anderer Glaubensüberzeugungen.23 Lamrabet bezeichnet sich selbst als laizistische muslimische Feministin. Ihre Idealvorstellung ist jene einer pluralen, laizistischen Gesellschaft, die „alle Religionen und auch Nicht-Religionen“24 respektiert. Auch wenn in Marokko eine solche Gesellschaftsform nicht verwirklicht ist, erachtet sie die Funktion des marokkanischen Königs als Oberbefehlshaber der Gläubigen als „wichtigen Schutzwall gegen den politischen Islam“25. Dieser sei eine in allen arabisch-muslimischen Ländern seit Jahrzehnten spürbare Ideologie, die dem spirituellen Islam entgegen stünde, wohingegen der marokkanische König für „einen gemäßigten und vor allem für die Frauen emanzipatorischen Islam“26 stehe.

Schriften

In ihren zahlreichen Schriften, darunter mehreren Büchern, legt Lamrabet den Fokus auf die Befreiung des koranischen Textes von patriarchalen Interpretationen.27 Aus dem Koran lasse sich keine männliche Überlegenheit gegenüber Frauen begründen. Zahlreiche Bücher und Aufsätze Lamrabets stehen auf Französisch und Englisch zur Verfügung, sind bisher aber noch nicht ins Deutsche übersetzt worden.28

Asma Lamrabet ist nur eine von zahlreichen Musliminnen und Muslimen der Gegenwart, die erkannt haben, dass kein Weg an einer Erneuerung des Islams vorbeiführt; Erneuerung in dem Sinne, dass die göttliche Botschaft zunächst im ursprünglichen Kontext verstanden werden muss, ohne bestimmte (uns heute genehme) Ansichten hinein zu interpretieren. Im weiteren Schritt kann diese Botschaft für die Gegenwart nutzbar gemacht werden, den Menschen zur positiven Weiterentwicklung in ihrer Menschlichkeit verhelfen und somit zu einem friedlichen Miteinander in der Gesellschaft beitragen. Denn dies ist es letztendlich, was Religion, egal welchen Namen sie trägt, bewirken soll.


Weiterlesen
Fussnoten

1 Vgl. Françoise Weber: "Die Frage des Kopftuchs nenne ich eine kollektive Hysterie". Asma Lamrabet vom Zentrum für Frauenstudien im Islam. Deutschlandfunk Kultur 2016, www.deutschlandfunkkultur.de/asma-lamrabet-vom-zentrum-fuer-frauenstudien-im-islam-die.1278.de.html, abgerufen am 19.05.2021.

2 Vgl. ebd.; Charlotte Bozonnet: Asma Lamrabet, féministe en islam. Le Monde 2018, www.lemonde.fr/idees/article/2018/05/19/asma-lamrabet-feministe-en-islam_5301678_3232.html, abgerufen am 19.05.2021.

3 Claudia Mende: Debatte über islamisches Erbrecht in Marokko und Tunesien: Asma Lamrabet unter Druck - Qantara.de, de.qantara.de/inhalt/debatte-ueber-islamisches-erbrecht-in-marokko-und-tunesien-asma-lamrabet-unter-druck, abgerufen am 19.05.2021.

4 Vgl. ebd.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 F. Weber 2016.

8 Ebd.

9 Vgl. ebd.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Ebd.

15 Vgl. ebd.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. ebd.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Ebd.

22 Ebd.

23 Vgl. ebd.

24 Ebd.

25 Ebd.

26 Ebd.

27 Einige Veröffentlichungen: Le Coran et les femmes: une lecture de libération (2007); Femmes. Islam. Occident: chemins vers l'universel (2011); Femmes et hommes dans le Coran: quelle égalité? (2012); Women in the Qur'an: An Emancipatory Reading (2016); How can a reformist approach to women’s issue in Islam be adopted? (2019); Islam, women and reformism (2018); Muslim Women’s Veil, Between the Colonial Ideology and Traditionalist Islamic Ideology: a Decolonized Vision (o.J.); Le prophète de l'Islam et les femmes de sa vie (2020).  

28 Vgl. F. Weber 2016; C. Mende 2018.