27.03.2019 - #Gesellschaft #Menschenrechte / Demokratie / Säkularismus

Das Verhältnis von Säkularismus und Islam aus unterschiedlichen muslimischen Perspektiven

Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Thema Islam und Säkularismus aus dem Blickwinkel unterschiedlicher muslimischer Gelehrter. Folglich sollen in diesem Artikel verschiedene Ansichten (die zum Teil gegensätzlich sind) beleuchtet werden.


Die Frage, ob „der Islam“ mit Säkularität vereinbar ist, wurde in den letzten Jahren sehr heiß diskutiert und die Meinungen hierzu divergieren enorm. An dieser Stelle ist es wichtig anzumerken, dass es weder „den Islam“, noch „den Säkularismus“ in der Realität gibt. Es gibt stets unterschiedliche Verständnisse und Vorstellungen darüber, worum es sich bei den beiden Themenkomplexen handeln könnte. Auch dies soll der vorliegende Artikel verdeutlichen. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass die Antworten rund um die Frage, ob Islam und Säkularismus vereinbar sind, sehr weit auseinandergehen.  So vertrat Ayatollah Khomeini (gest. 1989) in seinem Werk „Islam and Revolution“ die Ansicht, dass der Islam alle Fragen zum Leben der Menschen vollständig beantworte.1 Folgt man diesem radikalen Ansatz, so wird man feststellen, dass Islam und Säkularismus unvereinbar zu sein scheinen, da davon ausgegangen wird, dass die politische Ordnung von Gott bzw. vom Propheten Muhammad in den islamischen Quellen klar und deutlich vorherbestimmt ist. Interessant ist, dass die meisten Islamkritiker sich ebenfalls dieser Argumentationsstruktur bedienen und davon ausgehen, dass „der Islam“ eine Trennung zwischen Staat und Religion nicht kennt. Tatsächlich ist es jedoch so, dass weder der Koran noch die Hadithe konkrete Anordnungen für die Organisation der politischen Macht bieten, was auch dadurch erkennbar ist, dass die Begründer der vier großen sunnitischen Rechtsschulen sich nur sehr wenig mit herrschaftsrechtlichen Fragen auseinander gesetzt haben. Dies erklärt auch zum Teil, weshalb die politische Macht in den ersten Jahrhunderten der muslimischen Gesellschaft jener erhielt, der sie an sich riss. Denn es gab (wie auch heute) keine religiösen Normen, die dies eindeutig regelten.2

Gegensätzlich zu Khomeinis Meinung gibt es jene Stimmen, die sich für eine Säkularisierung der muslimischen Staaten aussprechen. Zu diesen Stimmen gehörte auch der islamische Gelehrte Muhammad Arkoun (gest. 2010), der im Koran keinen Widerspruch zu einer säkularen Gesellschaft sah.3 Abdullah Sahin (Dozent in Islamic Education an der Universität Warwick) wiederum unterscheidet zwischen secularity und secularism. Unter secularity versteht er eine Grundhaltung des Staates, die auf die Gleichbehandlung ihrer Bürger (unabhängig davon, welcher religiösen Identität diese angehören) abzielt. Diese Gleichbehandlung bedeutet zugleich, dass es keine Einschränkung hinsichtlich der religiösen Entfaltung der jeweiligen Bürger von Seiten des Staates geben darf, was auch mit den islamischen Werten vereinbar sei.4 Secularism hingegen versteht Sahin als eine ideologische Position, die den Glauben streng auf die persönliche Sphäre des Lebens beschränkt. Diese dogmatische Grundhaltung, die das religiöse Leben von der Öffentlichkeit ausschließt, lehnt er ab und betrachtet sie als unvereinbar mit dem Islam.5 Sahin begründet seinen Standpunkt sehr differenziert und führt aus, dass die säkulare Ideologie der UdSSR, die zum Massenmord tausender Menschen beitrug, keineswegs die einzig mögliche Form ist. Ganz im Gegenteil: Säkularität sei, wenn richtig verstanden, nicht nur mit dem religiösen Glauben vereinbar, sondern vielmehr sogar ein legitimes und notwendiges Mittel, um diesen Glauben in hohem Maße ausdrücken zu können.6 Auf diese Chance macht auch der Schriftsteller und Soziologe Halim Barakat aufmerksam, indem er sagt:

Säkularisierung ist die Alternative zu der Behauptung der herrschenden Schichten, sie regierten das Volk auf der Grundlage einer heiligen Macht, und ihr grundlegendes Ziel sei es, die Verehrung Gottes und die Einhaltung des Gehorsams gegen Gott und des Verbots von Unerlaubtem möglich zu machen. Ihr eigentliches Ziel ist es, das Volk zugunsten der eigenen Schichten und Gruppierungen zu regieren, sich des gesamten gesellschaftlichen Potentials zu bemächtigen und ihre Privilegien auszunützen. Das wichtigste Ziel der Säkularisierung ist, den Mißbrauch der Religion zu unterbinden. Sie ist nicht notwendigerweise gegen die Religion, sondern entlastet diese in dem Bemühen, sich von den Auslegungen des Herrschaftsapparates und der an das System gebundenen Gelehrten zu befreien. Die arabischen Länder bedürfen dringend der Säkularisierung und nicht des Imports von Vorstellungen aus dem Ausland. […].7

Es sei hierbei auch darauf hingewiesen, dass die reflexhafte Ablehnung von Säkularität und Demokratie in weiten Teilen der muslimischen Länder eine Konsequenz der europäischen Kolonialisierung ist.8 Der iranische Religionssoziologe Ali Schariati (gest. 1977) bringt dieses Unbehagen folgendermaßen zum Ausdruck:

Wir verdanken den Kolonialismus, der Massenmord an Völkern, Vernichtung der Kulturen, Reichtümer, Geschichten und Zivilisationen der nicht-europäischen Menschen mit sich brachte, den Regierungen, die demokratisch gewählt wurden, Regierungen, die an Liberalismus glaubten. Diese Verbrechen wurden nicht von Priestern, Inquisitoren und Cäsaren begangen, sondern im Namen der Demokratie und des westlichen Liberalismus.9

In Anbetracht dieser Aussage zeigt sich, dass die ablehnende Haltung zur Säkularität  in muslimisch geprägten Ländern oft von bitteren Erfahrungen gezeichnet ist, die zwar im Namen der Säkularität verübt worden sind, mit dieser aber oft nicht im Einklang stehen, genauso wie manche Menschen versuchen, bestimmte Taten religiös zu legitimieren, die nicht im Einklang mit der Religion stehen. Es wird sicherlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis eine Rehabilitierung in jenen Ländern stattfindet und bis die muslimisch geprägten Gesellschaften ihre eigene Prägung entwickeln.   

Die Scharia und der säkulare Staat

Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi wiederum differenziert ebenfalls zwischen unterschiedlichen Verständnissen des Islams, wobei er auch seine eigene Vision des „Euro-Islam“ in zahlreichen Texten vorstellt. Sein Konzept des „Euro-Islam“ geht von folgender Grundthese aus:

Die säkulare zivilisatorische Identität Europas ist dem Modell nach inklusiv, und sie kann einen offenen Islam aufnehmen sowie europäisieren, aber nur, wenn dieser von Schariʾa und Djihad abgekoppelt wird.10

Die Vision von Tibis Euro-Islam steht insofern stark unter Kritik, weil die Begrifflichkeiten, die er verwendet, sehr unscharf erklärt werden, er aber zugleich nur von seinem eigenen Verständnis der Begriffe (in diesem Fall „Scharia“ und „Djihad“) ausgeht. Bei der ganzen Debatte rund um Islam und Säkularismus wird jedoch deutlich, dass die jeweiligen Interpretationen von „Scharia“ eine zentrale Rolle spielen. Wenn man davon ausgeht, dass die Gesetze und Normen, die in der Scharia zusammengefasst werden, unabhängig vom zeitlichen und sozialen Kontext zu betrachten sind, dann stellt dieses Verständnis in der Tat ein Problem dar, was die Vereinbarkeit von Islam und säkularer Gesellschaft anbelangt.11 Geht man jedoch davon aus, dass es sich bei der „Scharia“ um normative Prinzipien handelt, die vor allem hinsichtlich der religiösen Moralität der gläubigen MuslimInnen relevant sind, so wird man feststellen, dass sich hierbei vielfältige Ergebnisse des Handelns ergeben können.12 Diese Ergebnisse entstehen wiederum im Prozess einer hinreichenden Interpretation der genannten Prinzipien, die sich auch in der Geschichte der islamischen Jurisprudenz finden lassen.13 Nichtsdestotrotz handelt es sich bei all den Schlussfolgerungen um das Werk menschlicher Geisteskraft, weshalb kein Interpret von sich behaupten kann, über die einzig richtige Auslegung zu verfügen. Wenn es also zu keiner Forcierung einer bestimmten religiösen Auslegung von staatlicher Seite kommt (was bei säkularen Staaten idealerweise der Fall sein sollte), besteht der enorme Vorteil, dass jede Muslimin und jeder Muslim die Wahl hat, seinen individuellen religiösen Weg zu gehen.14


Weiterlesen
Fussnoten

1 Dietrich Jung: »Gott, Götter, Gottlosigkeit. Islam und säkulare Gesellschaft«, in: Islam im europäischen Kontext Selbstwahrnehmungen und Außensichten, Frankfurt am Main: Lang-Ed 2013, S. 481-490, hier S. 487-488.

2 Holger Zapf (Hg.): Staatsverständnisse in der islamischen Welt (= Staatsverständnisse, Band 49), Baden-Baden: Nomos 2012, S. 47.

3 Mathias Rohe: Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, München: Beck 2011, S. 400.

4 Yahya Birt: British secularism and religion. Islam, society and the state 2011, S. 36-37.

5 Ebd.

6 Ebd., S. 27.

7 M. Rohe, S. 400-401.

8 Y. Birt, S. 4-5.

9 H. Zapf (Hg.), S. 168.

10 Bassam Tibi: Euro-Islam. Die Lösung eines Zivilisationskonfliktes, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009, S. 10.

11 D. Jung, S. 487-488.

12 Ebd., S. 489.

13 Ebd.

14 Ebd.

weiterführende Literatur

Casanova, José/Schieder, Rolf: Europas Angst vor der Religion (= Berliner Reden zur Religionspolitik), Berlin: Berlin Univ. Press 2009.
Ellis, Kail C. (Hg.): Secular nationalism and citizenship in Muslim countries. Arab Christians in the Levant (= Minorities in West Asia and North Africa), Cham: Palgrave Macmillan 2018.
Ucar, Bülent (Hg.): Islam im europäischen Kontext. Selbstwahrnehmungen und Außensichten (= ROI - Reihe für Osnabrücker Islamstudien, Band 9), Frankfurt a.M: Peter Lang GmbH Internationaler Verlag der Wissenschaften 2013.