19.02.2018 - #Geschichte #Nachprophetische Zeit #Glaubenslehre #Glaubensrichtungen

Die Geburt der Islamischen Theologie

Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit dem Thema der Denkschulen und der Kalām-Wissenschaft. Nach einer allgemeinen Einführung über die Entstehung des Kalām werden die Themen und Probleme erörtert, die zur Entstehung und Entwicklung verschiedener Denkschulen innerhalb des Islam geführt haben.


Die zwei Hauptquellen des Islam sind der Koran als das Wort Gottes und die Sunnah, die die Tradition des Propheten Muhammad darstellt. Die Offenbarung (der Koran) als solches gilt als das ewige Wort Gottes, das für alle Zeiten bestimmt und unveränderlich ist.1 Jede Offenbarung braucht aber auch eine Interpretation bzw. Auslegung des Textes und diese ist "eine Reaktion des menschlichen Geistes"2, die "mit dem Zeitlichen Verbunden"3 ist. Zu Lebzeiten des Propheten Muhammad galt er als höchste religiöse Instanz, bei dem sich die Muslime, im Falle einer Meinungsverschiedenheit in Sachen des Glaubens, an ihn richten konnten. Mit seiner Antwort waren in der Regel alle Muslime einverstanden. Mit dem Ableben des Propheten Muhammad ging eine unantastbare theologische Instanz verloren, sodass die muslimische Gemeinde herausgefordert war selbst die Offenbarung zeitgemäß und ohne göttliche Unterstützung zu interpretieren. 

Die neu konsolidierte Gemeinde stand gleich nach seinem Tode vor großen politischen Herausforderungen und der erste Streitpunkt , der die muslimische Gemeinschaft spaltete, war die Frage der Nachfolge des Propheten und somit der Führung der neuen Gemeinde.4 Auch wenn diese Angelegenheit eher eine politische Frage gewesen ist und mit der Theologie5 augenscheinlich wenig zu tun hat, hat die Frage nach der politischen Nachfolge des Propheten auch die islamische Theologie stark geprägt. Daher besteht die Notwendigkeit, die Einflüsse bzw. Faktoren näher zu betrachten, die die islamische Theologie nachträglich beeinflusst haben.

Nach Falaturi (gest. 1996)6 lassen sich die Einflüsse in folgende Kategorien unterteilen:

Innere muslimische Einflüsse:

Damit sind die islamische Pflichtenlehre7, und die damit verbundene Entstehung der vier religiösen Rechtsschulen und die Beschäftigung mit den Rechtsgrundlagen (Uṣūl al-fiqh) gemeint.8 Zur Entwicklung der Theologie trugen auch die neuen Grammatiker-Schulen in Kufa und Basra9 maßgeblich bei. Ausschlaggebend war jedoch die Einstellung und der Diskurs gegenüber der Rechtsgelehrten10-besonders sei hier die negative Einstellung von Aḥmad ibn Ḥanbal (gest. 855) zur mu'tazilitischen Schule, auf die später näher eingegangen wird, erwähnt.11

Ausser-islamische Einflüsse:

Unter ausser-islamische Einflüsse werden sowohl die Begegnung mit dem christlichen Denken in Damaskus und der griechischen Philosophie in Bagdad als auch übernommene Elemente aus dem iranischen und indischen Kulturkreis verstanden. In Damaskus kam es zum ersten Mal zu einem religiösen und kulturellen Austausch, bei der Begriffe der christlichen Theologie von den Muslimen übernommen und über große Themen miteinander diskutiert wurde.12 Weiters versuchten die, durch die griechische Philosophie beeinflussten, muslimischen Gelehrten die religiösen Lehren mit der Vernunft "begreiflich zu machen"13. Wichtig zu erwähnen ist der besondere Platz den die antike Logik, die auf Beweisführung durch den Analogieschluss (qiyās) ausgerichtet war, in den Diskussionen einnahm und dadurch die Betrachtung der Probleme von verschiedenen Gesichtspunkten ermöglichte. Diese Begegnung fand ihren Höhepunkt in der Regierungszeit von al-Maʾmūn (gest. 833) im 9. Jhdt.14

Politische Ereignisse:

Den größten Einfluss auf die Entstehung verschiedener Denkschulen hatten aber innerislamische politische Ereignisse, wie beispielsweise die Frage nach der Führung der Gemeinde und die religiöse Legitimation dazu, das Kalifat von ʾUthmān (gest. 656) und seine Ermordung, sowie die darauffolgenden Kriege.15 Die Aufgabe der mutakallimūn war es daher vor allem über die "Grundstruktur des Staates [...] zu reflektieren".16

Die verschiedenen Meinungen der Theologen, die teilweise entgegengesetzte Vorstellungen hatten, führten zu einer Vielfalt an Denkschulen, die zum Teil auch heute noch bestehen und als eine Bereicherung innerhalb des Islam angesehen werden. 

Die Geburt einer Islamischen Theologie

Die islamische Theologie unterscheidet sich von der christlichen Theologie insoweit, als dass sowohl die Themen als auch die Methoden in den beiden Religionen sich stark unterscheiden. Daher lassen sich hier kleine bis fast gar keine Gemeinsamkeiten mit der Entwicklung der christlichen Theologie feststellen.17 Ein weiteres Merkmal der islamischen Theologie ist, dass diese einzig die Widerlegung der Argumente des Gegners bezweckt.18 Daher spielt hier die Diskussion und die Konfrontation mit den Ideen anderer Gelehrten eine wichtige Rolle. Wie bereits in der Einleitung erwähnt ist die Entwicklung der islamischen Theologie sehr stark von den damaligen politischen Gegebenheiten geprägt worden. Daher ist auch eine Vielzahl der ersten Streitfragen, mit denen sich die Gelehrten beschäftigt haben, politischer Natur.19


Zu Beginn ging es in der islamischen Theologie eher darum, die islamischen Lehren in kurzen Formeln zusammenzufassen und sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Zeit wird als "Das Zeitalter der Glaubensbekenntnisse"20 genannt. Abū Ḥanīfa (gest. 767) fasste in seinem "Fiqh al-akbar" zehn Glaubensinhalte zusammen, die die Dogmen des Islam darstellten. Durch diese kommt die Tätigkeit des Sammelns der Hauptthemen des islamischen Glaubens in Gang und es werden weitere Werke wie "Kitāb al-Waṣīja", "Fiqh al-akbar II." oder das Glaubensbekenntnis des al-Ašʿarī (gest. 935) verfasst. Die Systematisierung, der in diesen Werken vorgestellten Glaubensinhalte, wird Aufgabe von späteren Gelehrten werden, zum Vorschein kommen aber erste Probleme und Diskussionen in Bezug auf Themen der Prädestination, menschliches Handeln, etc..21

Im Zusammenhang mit der Systematisierung der Glaubensinhalte verfassten die nachfolgenden Gelehrten vor allem Abhandlungen und Streitschriften über Häresien. Im Folgenden werden drei große Streitfragen präsentiert, mit denen sich die frühen islamischen Theologen auseinanderzusetzen hatten:

Das Schicksal des großen Sünders

Diese Frage ist eines der ersten, die im Laufe der ersten Jahre nach dem Tode des Propheten Muhammad auftauchte. Als Ausgangspunkt wird hier sehr oft die Ermordung des Kalifen ʾUthmān (gest. 656) und die Regierungszeit des Kalifen ʾAlī (gest. 661) angesehen. Denn in diesem Zusammenhang entwickelten sich zum ersten Mal zwei Lager: während die Einen für die Ermordung von ʾUthmān (gest. 656) Gerechtigkeit verlangten, wollte die andere Gruppierung zuerst die Lage beruhigen, um sich dann mit den Tätern zu beschäftigen. Diese Ereignisse trugen dazu bei, dass sich die Frage nach dem Status derer, die große Sünden, wie z.B. Mord, begangen haben, stellt. Es gab unter anderem Meinungen (vertreten durch die Ḫāriǧiten), die einen Ausschluss aus der muslimischen Gemeinde für denjenigen forderte, der eine große Sünde begangen hat. In Hinblick auf das Handeln der Kalifen wollte man daraus die Bestätigung für den Machtanspruch oder den Aufruf zum Ungehorsam und Sturz herleiten.22

Determination oder Willensfreiheit des Menschen

Die starke religiöse Autorität des Koran und der Sunna brachte die Frage der Willensfreiheit des Menschen mit sich: Kann der Mensch frei handeln und zwischen Gut und Böse unterscheiden? Wenn man diese mit "ja" beantwortet, stellt sich die Frage, wie man die Vorherbestimmung dann erklären könnte. Eine Antwort mit "nein" würde bedeuten, dass Menschen im Jenseits für etwas bestraft werden, auf dass sie keinen Einfluss haben, da es vorherbestimmt war. Auch aus dieser religiösen Auseinandersetzung entwickelten sich zunächst zwei neue Gruppen innerhalb der islamischen Gemeinschaft: die Qadarīya und die Ǧahmīya, die entgegengesetzte Meinungen vertraten.23

Die "Erschaffenheit" des Korans

Eine weitere Streitfrage war die "Erschaffenheit" des Korans, die ihren Höhepunkt während der Regierungszeit (813-833) des Kalifen al-Maʾmūn (gest. 833) erreichte. Zu dieser Zeit wurde die Doktrin, dass der Koran von Gott erschaffen sei, zur offiziellen Dogma des muslimischen Staates und diejenigen, die diese ablehnten wurden verfolgt. Eine wichtige Rolle spielt hier die Frage nach der Veränderbarkeit der koranischen Vorschriften, ob diese ewig gelten oder es Ausnahmen gibt und wie diese auszuschauen haben.24

Diese sind nur drei der großen Themen und Streitfragen, die von den Gelehrten behandelt worden sind und je nach Beantwortung der Fragen ist es dann auch zu der Entstehung der Denkschulen und der verschiedenen Richtungen des Islam gekommen.

Daher ist es wichtig, immer vor den Augen zu halten, dass wenn es um die Auslegung der Offenbarung durch die Theologen geht, diese Meinungen immer in den zeitlichen Kontext zu stellen, da man, ohne die geschichtlichen Ereignisse und die damaligen politischen Gegebenheiten, zu kennen, viele wichtige Fragen nicht beantwortet oder nicht richtig verstanden werden können. 


Weiterlesen
Fussnoten

1 Vgl. Georges C. Anawati: "Philosophie, Theologie und Mystik", in: Joseph Schacht/Clifford E. Bosworth (Hg.), Das Vermächtnis des Islams, Zürich, München: Artemis Verlag 1980, S. 119-165, hier S. 119.

2 ebd.

3 ebd.

4 Vgl. Abdoljavad Falaturi: "Die islamischen Glaubensrichtungen aus religionsphilosophischer Sicht", in: Alois Halder/Klaus Kienzler/Joseph Möller (Hg.), Religionsphilosophie heute. Chancen und Bedeutung in Philosophie und Theologie, Düsseldorf: Patmos Verlag 1988, S. 195-224, hier S. 200. 

5 In der islamischen Tradition verwendet man für die Theologie meist den Begriff "'ilm al-kalām" - "Wissenschaft von der Rede". Weitere Bezeichnungen sind "uṣūl al-dīn" - "Die Grundlagen der Religion" oder "tauḥīd" - "Die Einheit und Einzigkeit Gottes". Siehe dazu auch: Hermann Stieglecker: Die Glaubenslehren des Islam, Paderborn, München, Wien: Ferdinand Schöningh 1962, S. 4 oder Josef van Ess: "Disputationspraxis in der islamischen Theologie. Eine vorläufige Skizze", in: Revue des études islamiques 44 (1976), S. 24.

6 Vgl. ebd., S. 202-205.

7 Vgl. ebd., S. 202.

8 Vgl. G. C. Anawati: Philosophie, Theologie und Mystik, S. 123.

9 Vgl. ebd.

10 A. Falaturi: Die islamischen Glaubensrichtungen aus religionsphilosophischer Sicht, S. 202. 

11 Vgl. ebd., S. 203.

12 Vgl. G. C. Anawati: Philosophie, Theologie und Mystik, S. 122-124.

13 A. Falaturi: Die islamischen Glaubensrichtungen aus religionsphilosophischer Sicht, S. 203. 

14 Vgl. G. C. Anawati: Philosophie, Theologie und Mystik, S. 124. 

15 Vgl. A. Falaturi: Die islamischen Glaubensrichtungen aus religionsphilosophischer Sicht, S. 204. 

16 ebd.

17 Vgl. G. C. Anawati: Philosophie, Theologie und Mystik, S. 137.

18 Vgl. J. van Ess: Disputationspraxis in der islamischen Theologie, S. 24. 

19 Vgl. Montgomery W. Watt: Kurze Geschichte des Islam, Berlin: Klaus Wagenbach 2002, S. 97. 

20 G. C. Anawati: Philosophie, Theologie und Mystik, S. 131. Zu Dogmatik und Glaubensbekenntnisse siehe auch: Wensinck, A. .: The Muslim Creed. Its Genesis and Historical Development, Cambridge: University Press 1932, S. 102-247 sowie Schacht, Joseph: Der Islām mit Ausschluß des Qorʾāns (= Religionsgeschichtliches Lesebuch, Band 16), Tübingen: Mohr 1931, S. 35-87. 

21 Vgl. ebd., S. 131-132.

22 Vgl. Tilman Nagel: Geschichte der islamischen Theologie. Von Mohammed bis zur Gegenwart, München: Beck 1994, S. 49-55.

23 Vgl. Hans Daiber: "Frühe islamische Diskussionen über die Willensfreiheit des Menschen", in: Uwe a. d. Heiden/Helmut Schneider (Hg.), Hat der Mensch einen freien Willen? Die Antworten der großen Philosophen, Stuttgart: Reclam 2007, S. 324-339, hier S. 325-327.

24 Vgl. M. W. Watt: Kurze Geschichte des Islam, S. 100.