01.08.2017 - #Gesellschaft #Kunst, Kultur und Wissenschaft #Geschichte

Dialog auf Augenhöhe – Lehren aus E. Saids Orientalism

Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit Orientalism: Der Literaturwissenschaftler Edward Said hat in seiner erstmals 1978 erschienenen vergleichenden Literaturanalyse den Blick westlicher Schriftsteller auf den Orient untersucht. Sein Werk zeigt beispielhaft, wie historisch gewachsene Machtstrukturen wie etwa die des Kolonialismus, unsere Sprache und Bilder im Kopf, in Schulbüchern und bis in die Medien hinein bis heute prägen. Dialog und Begegnung auf Augenhöhe scheinen auf diesem Hintergrund wenig selbstverständlich.


Wie kann ich ein Gegenüber, das kulturell und/oder religiös anders geprägt ist als ich selbst, überhaupt verstehen? Dies ist eine Frage, die nicht nur für einen tatsächlich dem Verstehen gewidmeten Rahmen wie etwa eine Bildungsreise, eine interreligiöse Dialogveranstaltung oder auch ein kulturwissenschaftliches Studium relevant wird. Diese Frage ist eigentlich stets präsent in unseren alltäglichen Begegnungen in der Schule, in der Nachbarschaft, beim Lesen der Zeitung, von Online-Nachrichten oder eines Buches und in unzähligen anderen Situationen, in denen wir auf das Verhalten oder die Gedanken eines oder mehrerer anderer Menschen treffen und damit konfrontiert werden.

Der Literaturwissenschaftler Edward Said1 wirbelte mit seinem Werk Orientalism Ende der 1970er Jahre die wissenschaftliche Debatte, die sich mit der Frage nach dem Verstehen von und der Begegnung mit kulturell und/oder religiös anders geprägten Kontexten und Menschen befasste, auf. Er trat vehement für einen dialogisch orientierten Verstehens-Prozess ein und gründete diese Haltung auf einer Analyse der (teilweise fiktiven/imaginierten) Begegnung des Westens mit dem Orient. Said kritisiert scharf eine Haltung, die - aus dem Zeitalter des Kolonialismus imperialistisch geprägt - davon ausgeht, mit eigenen Kategorien alles andere bis ins Letzte verstehen zu können und daraus einen (nicht immer artikulierten) Hoheitsanspruch abzuleiten.

Betrachtet man Verstehensbemühungen auf diesem Hintergrund, stellt sich die Frage, ob und wie es möglich ist, dass Verstehen eben nicht zur Machtausübung führt, sondern dass Verstehen sich bewusst und fundamental von Machtausübung unterscheidet. In Orientalism macht Said deutlich, dass dies möglich ist, jedoch nur durch ein Verhältnis, in dem das jeweilige Gegenüber eine gleichberechtigte und aktive Rolle im eigenen Verstehensprozess spielt. Im Folgenden soll nun näher auf Orientalism selbst eingegangen werden, um das Postulat auf gleicher Augenhöhe im Gespräch anhand der Beispielsetzung von Edward Said nachvollziehen zu können.

In einem Zitat lässt sich eigentlich schon essentiell zusammenfassen, was Said in seiner Arbeit so wirkungsvoll auf den Punkt bringt: Der Orient, seine Repräsentation und seine Rezeption im europäischen bzw. westlichen Kulturraum war lange Zeit kaum beeinflusst von einheimischen Zeugnissen, Präsentationen, Eigenbildern der sogenannten "Orientalen"2: "The Orient was almost a European invention, and had been since antiquity a place of romance, exotic beings, haunting memories and landscapes, remarkable experiences"3.

Was bedeutet der Orient in diesem Kontext für Europäer, was symbolisiert er für sie? Der Orient steht für vielerlei: Hier fanden sich die ältesten und reichsten Kolonien Europas, bis hierhin lassen sich die Spuren zu den Quellen des zivilisatorischen, sprachlichen und religiösen Erbes Europas zurückverfolgen, der Orient symbolisiert Europas kulturellen Gegenstreiter, seinen größten Nebenbuhler und somit auch den Inbegriff für die europäische Wahrnehmung des "Anderen".

Für Said ist der Orient, wie er in der europäischen Vorstellung existiert, hauptsächlich ein Konstrukt, das eigentlich den gesellschaftlichen Diskurs zur Zeit des Imperialismus (und darüber hinaus) in Europa widerspiegelt. Dabei handelt es sich meist um unbewusste Muster der europäischen Denkweise, die ein Produkt hervorbringen, für das der Status der "Wahrheit" oder "Präsenz" im Sinne von tatsächlicher Existenz4 beansprucht wird. Jedoch ist Said gleichzeitig der Auffassung: "Yet none of this Orient is merely imaginative"5. Das heißt, es gibt tatsächlich einige Grundbestände, die im sogenannten Orient natürlich auch wirklich enthalten sind: Der Islam, d. h. gewisse Traditionen, Geisteshaltungen oder Glaubensüberzeugungen, Sprachen, regionale Kontexte und historische Umstände, die gemeinhin den Orient als Bild bestimmten und die in europäischer Perspektive unlösbar mit dem "Orient" verbunden waren. Dass diese Verbindungen nicht wirklich hinterfragt, sondern als unverrückbare Größen angenommen wurden, führte dazu, so Said, dass "der Orient orientalisiert wurde"6. Assoziationsmuster gewannen eine Eigendynamik, die nur schlecht aufzuhalten war, da sie sich einseitig entwickeln konnte - ohne dass diejenigen, die von diesen Assoziationen und Bildern betroffen waren, irgendeine Interventions- oder Mitsprachemöglichkeit gehabt hätten oder diese nachgefragt wurde. Die Geschichte der gegenseitigen Beziehungen des Orients mit dem Okzident sieht Said daher als von verschiedenen Graden der Hegemonie und Dominanz gekennzeichnete: Der Orient wird als Objekt beforscht und gesehen - auf dieser Basis erfanden sich Schritt für Schritt geographische und kulturelle Absteckungen beinahe selbst, bis sie dann tatsächlich fast wie mit dem Lineal von westlichen Kolonialmächten in Form von nationalstaatlichen Grenzen konkretisiert wurden.

In seiner Einleitung zum Buch gibt Said dem tatsächlichen Begriff Orientalismus drei verschiedene Bedeutungen, die im Folgenden erläutert werden. Die erste inhaltliche Füllung wäre eine akademisch ausgerichtete: Einerseits fungiert der Orientalismus als eine Art Etikett für jeden, der sich akademisch mit dem "Orient" befasst. Darüber hinaus bezeichnet er auch bestimmte Studienzweige als sich in die Tradition des Orientalismus einreihende: "oriental studies" oder auch "area studies".7 Orientalismus ist somit ein implizites Element von und in direkter Wechselbeziehung mit Lehre, Forschung und Studieren stehender Entwicklung. Die zweite Bedeutung bezeichnet er als eine "allgemeinere": Orientalismus als einen "style of thought"8, der sich auf ein stilles und tiefliegendes Einvernehmen innerhalb der westlichen intellektuellen Elite (Autoren, Philosophen, Denker, Politiker) gründet(e) und stützt(e). Diese Elite agiere selbst auf Basis von kulturell bedingten allgemeinen Wahrnehmungen über ein Objekt, gleichzeitig reproduziere sie eine festgefahrene Aufteilung in "wir"/"sie" und Dichotomien - "ontological and epistemological distinction [...] between East and West as the starting point"9. Letztendlich weist Said auf eine dritte, historische und materielle Bedeutung des Begriffs hin: Er ist in diesem Sinne ein Mittel für den Westen, Autorität über den Orient auszuüben - "dealing with it by making statements about it, authorizing views of it, describing it, by teaching it, settling it, ruling over it"10.

Diese Vorgehensweise verdeutlicht Said am Beispiel einer ägyptischen Kurtisane, die von Gustave Flaubert11 als die typisch orientalische Frau beschrieben wird. Jenes Sinnbild soll an dieser Stelle kurz ausgeführt werden, um diese dritte und für die Wirkungsgeschichte des Werkes wichtigste Bedeutung zu veranschaulichen. Es gibt da also eine Frau, deren tatsächliche Existenz gar nicht bestritten wird. Diese Frau wird jedoch von einem Autor, der sie getroffen hat, so beschrieben, wie er sie wahrgenommen hat. In diesem Prozess hat die Frau, die abgebildet wird, keine andere Wahl, als einen passiven Part zu übernehmen und schweigend zu verharren: Sie wird als Objekt geradezu besessen, Attribute werden ihr angedichtet, die sie sich vielleicht selbst nie zugeschrieben hätte. Said formuliert dies so: "[...] she never spoke for herself, she never represented her emotions, presence or history"12. Flaubert hingegen beansprucht für sich selbst, ihre Realität unverfälscht wiederzugeben, ganz ungefiltert, eins zu eins. Sinnbildlich steht diese Vorgehensweise Flauberts gleichermaßen für das Verhältnis, in dem "Orient" und "Okzident" zueinanderstehen oder zumindest lange Zeit standen: Eines, in welchem der westliche Diskurs über die Anderen, die Fremden (ergo den Orient), sein Gegenüber vereinnahmte, schon die Art des Sprechens eine Erhebung über das Gegenüber erkennen und auf bewusste und unbewusste Machtstrukturen schließen ließ. Das Gegenüber war dazu verdammt, nicht für sich selbst sprechen zu können, keine subjektive Position beisteuern zu können, sondern auf ein Forschungsobjekt oder eine literarisch zugespitzte Typisierung reduziert zu werden.

Es lassen sich ohne Zweifel viele Kritikpunkte an Orientalism als Buch generell finden. Im arabisch/islamisch geprägten Diskurs entwickelte sich zudem ebenfalls eine Debattenkultur und -polemik, die parallel mit "Okzidentalismus" beschrieben werden könnte und ebenfalls auf stilisierte Konstruktionen eines Anderen/Fremden aufbaut - insofern muss ebenso auch diese Perspektive auf den "westlichen Anderen" kritisiert werden. Gerade deshalb ist es jedoch notwendig, sich zu vergewissern, was dennoch ein Verdienst dieses Werkes bleibt: JedeR von uns ist gefährdet, in vereinfachenden "Ihr"- und "Wir"-Schubladen zu denken oder einfache Antworten aufgeteilt in "gut" und "böse" zunächst für eine (willkommene) Orientierung zu halten. Hier ist es zunächst völlig zweitrangig, ob diese Antworten orientalistisch oder okzidentalistisch geprägte sind: Orientalism hat hier eine allgemeine und wertvolle Perspektive zur Reflexion des eigenen Sprechens und Argumentierens beigetragen. Edward Said hat außerdem den destruktiven Effekt aufgezeigt, der entsteht, wenn Gespräche nicht in beiderseitigem Einvernehmen, auf Augenhöhe und mit dem Recht auf die je subjektive Perspektive geführt werden, wenn scheinbare Dialoge und Begegnungen13 eigentlich Monologe und Reproduktion der eigenen Bilder bleiben. Auch für das kritische Lesen von Mainstream-Medien, eine aufgeklärte Herangehensweise an Inhalte, die z. B. online sehr einfach zugänglich sind und viele andere Zusammenhänge mehr, sind seine Analysen bis heute hochaktuell und brisant. Die Erkenntnis, dass Sprache Machtverhältnisse transportiert, (re-)produziert, symbolisiert, wirkt ebenfalls gegenwärtig nach - dies ist nicht minder von Relevanz z. B. für die professionelle Selbstreflexion etwa von PädagogInnen, SozialarbeiterInnen, BeraterInnen etc., ebenso wie für ganz alltägliche Unterhaltungen eines/r jeden und die eigenen unbewussten Assoziationsmuster, Scheingewissheiten und Bilder über den Anderen und sog. Fremden.

Bis jetzt gilt: Eine aus aufrichtigem Interesse gestellte Frage kann oft mehr zum fruchtbaren Gespräch und Verstehensprozess beitragen als das Herausstellen dessen, was man bereits zu wissen glaubt über das Gegenüber. Es sei denn, es kommt nie zu einer Gegenfrage in ebenso aufrichtigem Interesse.


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Fussnoten

1 Edward Wadie Said, 1935-2003. Als palästinensischstämmiger Christ in Jerusalem geboren, unterrichtete und schrieb er als Literaturtheoretiker und -kritiker die meiste Zeit seines Lebens an Universitäten in den USA.

2 Said legt seinen Hauptfokus in Orientalism vor allem auf die französische und englische Rezeption des Orients seit dem 18. Jahrhundert - daher wird sein Verständnis von Orientalism auch von vornherein aus diesem Feld abgeleitet bzw. bildet hier seinen Hauptbezugspunkt.

3 Said, Edward W. (2003): Orientalism. 5. Auflage: London: Penguin, S. 1.

4 Vgl. ebd., S. 21.

5 Ebd., S. 2.

6 Vgl. ebd., S. 5.

7 Vgl. ebd., S. 2.

8 Ebd.

9 Vgl. ebd., S. 7; S. 45.

10 Ebd., S. 40.

11 Gustave Flaubert (1821-1880) war ein französischer Schriftsteller, der im 19. Jahrhundert v. a. als Romancier wirkte; er stellt eines der Beispiele für eine orientalistische Denk- und Literaturtradition dar.

12 Said (2003), S. 6.

13 Das können auch Forschungsbegegnungen etwa in der empirischen Forschung sein.

weiterführende Literatur

Said, Edward (2003): Orientalism. London: Penguin.

King, Richard (1999): Orientalism and Religion. Postcolonial Theory, India and 'The Mystic East'. London: Routledge.

Sprinker, Michael (Hg.) (1992): Edward Said. A Critical Reader. Oxford: Blackwell.

Said, Edward (2003): Orientalism 25 Years Later. Wordly Humanism vs. the Empire-builders,  http://www.counterpunch.org/2003/08/05/orientalism, zuletzt geprüft am 07.12.2016.