08.08.2016 - #Gesellschaft #Interreligiöser Dialog

Die Jungfrau Maria, die Mutter Jesu, aus muslimischer Perspektive

Der vorliegende Artikel befasst sich mit der Jungfrau Maria (arab. Maryam), der Mutter Jesu (arab. ʿĪsā), und ihrer Bedeutung für MuslimInnen. Dabei kommt ihre Stellung im Koran, aber auch im Volksglauben zur Sprache. Der Beitrag soll unter anderem zeigen, dass die Ähnlichkeiten zwischen dem Christentum und dem Islam, speziell in Bezug auf Maria, der Mutter Jesu, viel größer sind, als sie oft von außen wahrgenommen werden. Auch wenn Unterschiede vorhanden sind, so liefert das islamische Verständnis von Maria eine solide Basis für ein respektvolles Miteinander zwischen MuslimInnen und ChristInnen.


Maria, die Mutter Jesu, ist ein Bindeglied zwischen den drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Marias Geburt, Kindheit und ihre göttliche Auserwählung, wie sie im Koran beschrieben werden, erinnern stark an die neutestamentlichen Apokryphen. Es gibt viele Übereinstimmungen zwischen dem christlichen und dem islamischen Marienbild, welche allerdings ein Ende finden, wenn in der christlichen Überlieferung von Maria als "Gottesmutter" die Rede ist. So ist Jesus dem Koran zufolge nicht Gottes Sohn.1

Maria wird im Islam hoch geehrt und ist auch für Mystiker eine der Lieblingsgestalten.2 In der muslimischen Tradition wird sie Jungfrau Maria (Maryam al-ʿaḏrāʾ [al-batūl]) genannt. Im volkstümlichen Islam wird Maria, ähnlich wie im Christentum, als Schutzheilige und Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen verehrt. Ihre Hilfe wird erbeten, um Kranke gesunden zu lassen, Schmerzen zu lindern oder um einen Herzenswunsch in Erfüllung gehen zu lassen. Es werden ihr Opfer dargebracht, wie es im Volksislam zum Teil auch für zwei Töchter Mohammeds, Fatima und Zainab, gängig ist.3 Bis heute besuchen MuslimInnen das angebliche Grab von ihr in Bülbül Dağı in der Nähe von Ephesus.

In zahlreichen Überlieferungen wird Maria gepriesen und wir finden ihren Namen immer wieder in der Literatur. Im Herrscherhaus der Moguln in Indien wurden besondere Frauen mit dem Ehrentitel "Maryam-zamani", "die Maria ihrer Zeit", ausgezeichnet. In einer von Ibn Ḥanbal (gest. 855 n. Chr.) überlieferten Tradition wird Maryam, neben ʿĀʾiša, Ḫadīǧa und Fāṭima, als eine der vier besten Frauen, die je gelebt haben, bezeichnet.4

Marias hoher Rang spiegelt sich auch darin wider, dass sie der Tradition zufolge als Erste das Paradies betreten wird. Farīd ad-Dīn ʿAṭṭār (gest. ca. 1220 n. Chr.), ein persischer Mystiker, Dichter und Hagiograph, schreibt dazu in seinen Heiligen-Biographien, dass Gott am Jüngsten Tag die Menschen ins Paradies eintreten lassen wird und ausruft: "O Männer!" Und der erste Mensch, der eintreten wird, wird Maryam sein, da sie höhergestellt ist als alle anderen Menschen - Männer und Frauen.5
Maria und Jesus sind, der Überlieferung zufolge, die einzigen Menschen, die bei der Geburt nicht vom Teufel berührt worden sind. Abū Huraira (gest. ca. 678 n. Chr.) überlieferte uns folgende Aussage des Propheten Mohammed: "Satan berührt jedes Kind, das geboren wird, und wenn er es berührt, erhebt es seine Stimme und weint. Das geschah jedem Kind außer Jesus und Maria. Lies Gottes Wort: 'Ich will sie und ihre Nachkommen gegen jeden bösen Geist schützen.'"6
Um das Bild Marias aus islamischer Sicht zu vervollständigen, muss man ihre Erwähnung in Hadithen berücksichtigen.
34117[...] Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, sagte: "Unter den Männern gibt es viele, die vollkommen waren; und unter den Frauen waren nur Asiya, die Frau des Pharao und Maryam (Maria), Tochter des `Imran, vollkommen." [...] (BU: 785)8

Die herausragende Stellung Marias und die Wunder, die über sie berichtet werden, wie zum Beispiel ihre Speisung in ihrer Zelle im Tempel und die jungfräuliche Empfängnis, veranlassten die Theologen zu Diskussionen, ob es sich dabei um Huldwunder handelt, wie sie Heiligen zuteilwurden, oder um sogenannte Prophetenwunder. Die meisten Theologen verneinen letzteres, aber Ibn Ḥazm (gest. 1064 n. Chr.), ein Rechtsgelehrter aus Spanien, sprach ihr die Prophetenwürde zu.9
Und siehe! Die Engel sagten: "O Maria! Siehe, Gott hat dich erwählt und dich rein gemacht und dich erhoben über alle Frauen der Welt. O Maria! Bleibe du deinem Erhalter wahrhaftig demütig ergeben und werfe dich nieder in Anbetung und verbeuge dich mit jenen, die sich (vor ihm) verbeugen." (Sure 3: 42,43)10

Das hohe Ansehen, das Maria unter MuslimInnen genießt, ist zu einem Großteil auf ihre Stellung im Koran zurückzuführen.11 Frauen werden im Koran nicht sehr häufig erwähnt und Maryam wird als einzige Frau namentlich genannt.12 Im Koran wird nur auf drei Frauen näher eingegangen. Dies sind die Frau des ägyptischen Pharaos (Sure 28, 9; 66, 11), die Königin von Saba und Maria. Nach ihr ist sogar eine ganze Sure benannt (Sure 19), was eine besondere Ehre ist, da nur fünf weitere Suren Personennamen tragen.13 In mindestens siebzig Koranversen wird auf Maria Bezug genommen, in vierunddreißig davon wird sie namentlich genannt. Davon vierundzwanzigmal in Zusammenhang mit "Jesus, dem Sohn Marias" (ʿĪsā ibn Maryam).14 Jesus wird im Koran immer wieder als Sohn Marias bezeichnet in Analogie zur Vaterbezeichnung, die normalerweise im islamischen Raum bis heute gebräuchlich ist.15 In zehn Fällen wird über Maria persönlich berichtet. Sie wird im Koran viel häufiger genannt als im Neuen Testament.16 Die Sure Maryam ist eine der schönsten Textpassagen des Koran. Sie besteht aus achtundneunzig Versen (Āyāt, sg. Āya), die sich reimen und ist damit eine Sure mittleren Umfangs. Inhaltlich geht es um zarte Gefühle wie Zuneigung, Gnade und Segen und wird deshalb auch besonders gerne von Frauen gelesen.17
Der Koran berichtet über Marias Geburt und Kindheit, ihre Eigenschaften sowie die Empfängnis und Geburt Jesu. Folgendermaßen wird Maria charakterisiert: Sie ist wahrhaftig, keusch, von Gottes Geist empfangend, als Zeichen für die Welten, an die Worte Gottes glaubend, an Gottes Schrift glaubend, Gott demütig ergeben, rein und auserwählt. Betont wird auch, dass sie wie ihr Sohn Jesus Speisen zu sich nimmt und damit menschlich ist.18 Maria nimmt als Frau und Mutter einen ganz besonderen Stellenwert im Glauben der MuslimInnen ein. Sie verkörpert das Bildnis der perfekten Frau: Sie ist rein, keusch, demütig, gehorsam gegenüber Gott, jung, aus gutem Hause, einen reinen Sohn gebärend, auserwählt von allen Frauen, aber auch leidend, verstoßen und missverstanden. Diese Eigenschaften sprechen sowohl Männer als auch Frauen an, die sich in schwierigen Situationen an Maria wenden und sich mit ihr identifizieren können. Maria vereint, im Besonderen in ihrer Reinheit als Frau, nicht nur die Geschlechter, sondern auch Menschen verschiedener Herkunft und Religion.19


Weiterlesen
Fussnoten

1 Vgl. Ludwig Hagemann/Ernst Pulsfort: Maria, die Mutter Jesu, in Bibel und Koran (= Religionswissenschaftliche Studien, Band 19), Würzburg: Echter Verlag 1992, S. 118.

2 Vgl. Annemarie Schimmel: Meine Seele ist eine Frau. Das Weibliche im Islam, München: Kösel 1995a, S. 52.

3 Vgl. Nahed Selim/Anna Berger: Nehmt den Männern den Koran! Für eine weibliche Interpretation des Islam, München: Piper 2006, S. 254.

4 Vgl. Annemarie Schimmel: Jesus und Maria in der islamischen Mystik, München: Kösel 1996b, S. 141.

5 Vgl. ebd., S. 142.

6 Vgl. ebd., S. 35.

7 3411 ist die Hadithnummer in der Sunna, BU steht für Buchari und 785 ist die Nummer des Hadith nach seiner Kodifizierung.

8 Vgl. Ahmed Ginaidi: Jesus Christus und Maria aus koranisch-islamischer Perspektive. Grundlagen eines interreligiösen Dialogs (= Edition Noëma), Stuttgart: ibidem-Verlag 2002, S. 64.

9 Vgl. A. Schimmel, S. 142.

10 Muhammad Asad: Die Botschaft des Koran, Ostfildern: Patmos Verlag 2013, S. 114.

11 Vgl. N. Selim/A. Berger, S. 254.

12 Vgl. A. Schimmel, S. 52.

13 Vgl. Hermann-Josef Frisch: Der Koran für Christen. Gemeinsamkeiten entdecken, Freiburg, Basel, Wien: Herder 2016, S. 213.

14 N. Selim/A. Berger, S. 255.

15 Vgl. A. Ginaidi, S. 57.

16 Vgl. N. Selim/A. Berger, S. 255.

17 Vgl. ebd., S. 256-257.

18 Vgl. Iyman S. Alzayed: "Maria im Koran und im Volksglauben der Muslime", in: Peter Hofrichter (Hg.), Auf der Suche nach der Seele Europas - Marienfrömmigkeit in Ost und West, Innsbruck, Wien: Tyrolia-Verlag 2007, S. 267-279, S. 269f.

19 Vgl. ebd., S. 278.

weiterführende Literatur

Asad, Muhammad: Die Botschaft des Koran, Ostfildern: Patmos Verlag 2013.

Ginaidi, Ahmed: Jesus Christus und Maria aus koranisch-islamischer Perspektive. Grundlagen eines interreligiösen Dialogs (= Edition Noëma), Stuttgart: ibidem-Verlag 2002.

Hagemann, Ludwig/Pulsfort, Ernst: Maria, die Mutter Jesu, in Bibel und Koran (= Religionswissenschaftliche Studien, Band 19), Würzburg: Echter Verlag 1992.

Schimmel, Annemarie: Jesus und Maria in der islamischen Mystik, München: Kösel 1996b.