19.08.2020 - #Muslimische Persönlichkeiten #Geschichte

Galip Veliu (1960-2020): Ein Leben im Dienste des Wissens und der Aufklärung

Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Leben und dem Wirken von Univ.-Prof. Dr. Galip Veliu, einem in Nordmazedonien geborenen islamischen Denker, Philosoph und Theologe, der sich für einen kritischen Umgang mit verschiedenen erkenntnistheoretischen Ansätzen und gesellschaftspolitisch relevanten theologischen Themen einsetzte. Dementsprechend lautete sein Motto: "Nichts bleibt unverändert außer der Veränderung selbst".  


Anfang August verstarb im Alter von 60 Jahren völlig unerwartet der in Vrapciste, Nordmazedonien geborene islamische Denker, Philosoph und Theologe Universitätsprofessor Dr. Galip Veliu. Ein gewaltiger Verlust nicht nur für Freunde und Familie, sondern auch für die islamisch-theologische Community und die vielen Menschen, vor allem Studierende, die er unterstützt und inspiriert hat. Mit ihm verliert diese Region einen wichtigen muslimischen Intellektuellen und Humanisten, der in vielerlei Hinsicht Vorbild und Hoffnungsträger war.

Galip Veliu war ohne Zweifel ein kritischer Geist, der seiner Zeit weit voraus war. Nach dem Motto „Nichts bleibt unverändert außer der Veränderung selbst“ setzte er sich als ausgebildeter islamischer Theologe und Professor für Philosophie sein Leben lang für einen kritischen Umgang mit verschiedenen erkenntnistheoretischen Ansätzen und gesellschaftspolitisch relevanten theologischen Themen ein. Ein zentrales Anliegen seiner intellektuellen Bemühungen war die Etablierung eines wertschätzenden Umgangs mit Meinungsvielfalt, insbesondere in der islamischen Theologie. Zu eng und dogmatisch waren ihm die aktuellen theologischen Ansätze muslimischer Theologen, in denen er den wahren Grund für die gegenwärtige Stagnation der islamischen Theologie sah: Anstatt neue Ansätze zu entwickeln, sei diese viel zu sehr darauf bedacht, das Altbekannte zu bewahren, zu verwalten und als unumstößliche Wahrheit zu präsentieren.

Diesen dogmatischen Zugang galt es für ihn zu dekonstruieren, um Platz zu machen für ein wertschätzendes Nebeneinander verschiedener Meinungen, die um ein besseres Verständnis der Wahrheit wetteifern sollten, ohne dabei einen Absolutheitsanspruch zu erheben. Denn Absolutheit ist ein Wesensmerkmal, das allein Gott zukommt und daher für den Menschen als kontingentes Wesen unerreichbar ist. Dementsprechend sind menschliche Deutungen, vor allem jene in Bezug auf Gott, perspektivisch und fragmentarisch und müssen daher stets kritisch hinterfragt werden, um das theologische Denken voranzutreiben.

Jeglicher Form von Verabsolutierung und Dogmatisierung – als den größten Hindernissen für den geistigen Fortschritt – abgeneigt, plädierte er dafür, dass jede Generation das ewige Wort Gottes für ihre Zeit neu interpretiere, ohne die eigene Interpretation zum Dogma zu erheben oder sie gar mit dem Wort Gottes gleichsetzen zu wollen.

Darin sah er den einzigen Weg, um das Individuum vor (religiöser) Unmündigkeit zu bewahren und die Gesellschaft aufzuklären. Auch könne es der muslimischen Gemeinschaft nur so gelingen, an die glorreichen Zeiten anzuknüpfen, da der Islam seinen wissenschaftlichen und kulturellen Höhepunkt erreicht hatte und eine Ambiguitätstoleranz vorlebte, die ihresgleichen suchte.

Um dieses anspruchsvolle Ziel zu verwirklichen bzw. um den Weg dafür zu ebnen, scheute er auch nicht davor zurück, sich mit unbequemen Themen auseinanderzusetzen. Wie einst der berühmte griechische Philosoph Sokrates nahm er sich gerade Themen, die als theologisch unantastbar galten, vor, um sie durch rationale Argumente und unter Bezugnahme auf den Koran gleichsam zu „zerlegen“ und dabei aufzuzeigen, dass sich hinter den für zeitlos erachteten Wahrheiten menschliche Interpretationen verbargen, die kontextbezogen auch anders hätten ausfallen können.

Dabei richtete sich seine Kritik nicht, wie von manchen fälschlicherweise angenommen, gegen die früheren Gelehrten, sondern gegen die vorbehaltlose Übernahme und Glorifizierung von deren Ansätzen als ewige Wahrheiten. Es waren nicht die Altgelehrten, an deren Tun er Anstoß nahm – ihnen hielt er zugute, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten und im gegebenen Kontext das Wort Gottes nach bestem Wissen und Gewissen interpretiert hatten –, sondern jene, die diese Ansätze zu Dogmen erhoben und sich der Verantwortung entzogen, ähnliche Leistungen in der Gegenwart zu erbringen.

Sein Mut, unbequeme theologische Themen anzusprechen und aus bisher unbekannten Perspektiven zu analysieren, brachte ihm, ähnlich wie Sokrates, den Vorwurf ein, die Menschen, vor allem die Jugend, dem Glauben zu entfremden. Ein Vorwurf, den er freilich nur als Bestätigung seiner Arbeit empfinden konnte, war es doch sein Ziel, die Deutungshoheit des Establishments infrage zu stellen und die Menschen zum eigenständigen Denken zu motivieren. Nicht vom Glauben wollte er die Menschen abbringen, sondern von der selbstverschuldeten Unmündigkeit, in die sie Indoktrination im Namen Gottes hineingelockt hatte.

Daher, so seine feste Überzeugung, müsse Theologie stets interdisziplinär ausgerichtet sein und multiperspektivisch betrieben werden und dürfe sich keinesfalls damit begnügen, Dogmen und Lehrsätze aus alten theologischen Büchern weiterzuspinnen. Das Ziel der Theologie könne nicht darin bestehen, die Meinungen früherer Gelehrter zu perpetuieren, vielmehr gelte es, die Religion aus dem eignen Kontext heraus neu zu verstehen und damit den Gläubigen neue Perspektiven und Optionen zu eröffnen.

Durch seinen einzigartigen Zugang schaffte er, was keinem islamischen Theologe vor ihm gelungen war, nämlich, auch viele Intellektuelle für Gott und Religion zu begeistern. Seine legendären Moscheepredigten, in denen er immer wieder auf Kant und Popper – zwei seiner Lieblingsphilosophen – Bezug nahm, und seine direkte, bisweilen etwas schroffe, jedoch äußerst authentische Art der Kommunikation veränderte das noch vom kommunistischen Regime in die Welt gesetzte Bild des rückständigen muslimischen Vorbeters nachhaltig. Er verkörperte nicht den klassischen Vorbeter, der meint, sich vor Intellektuellen verstecken zu müssen, um zu verschleiern, dass es ihm in anderen Bereichen an Wissen fehlt, sondern einen stolzen muslimischen Intellektuellen, der neben profunden Kenntnissen der Theologie und Philosophie auch die Fähigkeit besaß, Ansätze tief gehend zu analysieren und begründet zu kritisieren.

Durch diesen neuen Zugang zu Religion und Wissenschaft, der eher auf die Betonung von Gemeinsamkeiten als auf vermeintlich unversöhnlichen Gegensätzen ausgerichtet war, gelang es ihm, die Protagonisten beider Seiten einander näherzubringen und zu zeigen, dass Religion und Wissenschaft per se keineswegs in Widerspruch zueinander stehen müssen.

Mit derselben Vehemenz, mit der er gegen religiöse Dogmen kämpfte, setzte er sich gegen die Dogmatisierung der Wissenschaft ein und mahnte all jene, die in der Wissenschaft eine Ersatzreligion sahen, nicht in dieselbe Falle zu tappen, wie jene, die religiöse Dogmen zu absoluten Wahrheiten erklärt hatten. Für ihn äußerte sich darin die Maßlosigkeit des Menschen, der nicht akzeptieren will, dass jede Erkenntnis subjektiv geprägt ist und als solche nur so lange Gültigkeit hat, bis sie widerlegt wird.

Prof. Dr. Galip Veliu war jedoch nicht nur ein islamischer Denker und fortschrittlicher Theologe, der sich aktiv in den intellektuellen Diskurs einbrachte und diesen nachhaltig prägte; er war auch jemand, der sich mit aller Kraft um die Hebung des individuellen Bildungsniveaus – als der Voraussetzung jeglichen gesellschaftlichen Wandels – bemühte. Sich dessen wohl bewusst, dass dies ohne konkrete finanzielle Unterstützung kaum gelingen kann, suchte er beharrlich nach Mittel und Wegen, jungen Menschen den Zugang zu Stipendien zu ermöglichen.

Seine Ehrlichkeit, Unermüdlichkeit und sein Mut, aber auch sein Einsatz für Wissenschaft und Religion in der Moschee und an der Universität sollten ihm schließlich die Bekanntschaft mit einer wohlhabenden Person einbringen, deren wichtigster Ertrag die Gründung einer Stiftung für Bildung und Forschung mit dem Namen „Dituria“ war. Die tatkräftige finanzielle Unterstützung der neuen Bekanntschaft ermöglichte es der Stiftung in den vergangenen 20 Jahren, tausende Stipendien zu vergeben – und das an Studierende aller Studienrichtungen von Medizin bis zu Mechatronik. Neben den gewöhnlichen Stipendien für Bachelorstudierende sah das Förderprogramm auch Stipendien für Masterstudierende und Doktoranden, von denen viele im Ausland studierten, vor.

Abgesehen davon, dass es in der Region kaum eine andere Privatinitiative gibt, die so viel in Bildung investiert, zeichnet sich diese Stiftung vor allem dadurch aus, dass sie im Gegensatz zu manch anderer religiös motivierten Stiftung offen ist und keinerlei Gegenleistung von ihren Stipendiaten erwartet. Weder die weltanschaulich-religiöse Orientierung noch die Einstellung gegenüber Religion spielt bei der Vergabe von Stipendien eine Rolle. Alles was zählt, ist der erfolgreiche Abschluss des Studiums und nach Möglichkeit der Wille der Stipendiaten, sich nach Abschluss ihres Studiums dafür einzusetzen, dass auch andere Studierende ähnliche Chancen erhalten, und sich so das Bildungsniveau der Gesellschaft graduell erhöht.

Nun hat diese herausragende Persönlichkeit diese Welt in aller Stille verlassen. Es war in den Räumlichkeiten seiner geliebten Stiftung, wo er seinen letzten Atemzug tat und wo er eine große, kaum zu füllende Lücke hinterlassen wird. Doch große Geister sterben nicht, wenn sie ihre äußere Hülle ablegen. Sie leben weiter, solange das Feuer brennt, das sie entfacht haben, damit es anderen Nutzen bringe. Jetzt liegt es an ihnen – Freunden, Kollegen, Studierenden und Stiftern, die ihn unterstützten und die ihm so viel zu verdanken haben –, seine Mission fortzuführen. Es ist geradezu eine moralische Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Ideale dieses großen Geistes erhalten bleiben, nicht um ihnen zu huldigen, sondern um sie weiterzudenken. Denn nur wenn das Feuer, nicht die Asche, von Generation zu Generation weitergetragen wird, können Ideen und Traditionen weiterleben.

Möge Gott der Erhabene diesen großen Geist und Freund der Weisheit für den unschätzbaren Beitrag, den er zum Wohle unserer Gesellschaft geleistet hat, reichlich belohnen. Den Hinterbliebenen möge Gott Zuversicht, vor allem aber die Kraft schenken, diesen Weg weiterzugehen und seine Ideale zu verwirklichen, um ihn so für immer lebendig zu erhalten.


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