20.09.2018 - #Muslimische Persönlichkeiten #Geschichte

Muḥammad aṭ-Ṭāhir Ibn-ʿĀšūr (1879-1973)

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem tunesischen Gelehrten Muḥammad aṭ-Ṭāhir Ibn-ʿĀšūr. Nach einem biografischen Rückblick werden seine Reformbestrebungen in Bildung und Recht thematisiert. Insbesondere sein Fokus auf die Zwecke der Scharia (maqāșid) und sein philologischer Zugang in seiner Koranexegese werden angesprochen. Diese sind verbunden mit seiner Vision, in Kontinuität mit der Tradition ein der modernen Zeit entsprechendes Islamverständnis zu schaffen.


Muḥammad aṭ-Ṭāhir Ibn-ʿĀšūr war ein tunesischer malikitischer Gelehrter sowie Absolvent und später Professor und Dekan an der berühmten Ez-Zitouna-Universität in Tunis, der bedeutendsten islamischen Bildungseinrichtung Tunesiens. Außerdem war Ibn-ʿĀšūr als Imam an der Ez-Zitouna-Moschee tätig.1

Angesichts von mehr als vierzig Büchern und Abhandlungen, zahllosen Aufsätzen und Rechtsgutachten kann Ibn-ʿĀšūr als einer der „aktivsten Autoren seiner Generation von Gelehrten“2 bezeichnet werden. Er setzte sich intensiv mit islamischem Recht, islamischer Rechtstheorie und Koranexegese auseinander, sowie mit der Reform von Bildung und der Entwicklung eines modernen Verständnisses einer islamischen Gesellschaft. Zudem war er auch Poet und befasste sich eingehend mit arabischer Sprache und Literatur, wofür er über die Grenzen Tunesiens hinweg Anerkennung fand, welche sich unter anderem in seiner Ernennung zum assoziierten Mitglied der Akademien der Arabischen Sprache in Kairo und Damaskus ausdrückt.3

Ibn-ʿĀšūr wurde 1879 in Tunis in eine angesehene und einflussreiche Familie geboren. Sein Großvater väterlicherseits war Islamgelehrter und Regierungsbeamter, während sein Großvater mütterlicherseits einen Ministerposten innehatte.4 Bereits in jungen Jahren (1892) begann Ibn-ʿĀšūr mit seiner Ausbildung an der Ez-Zitouna-Universität. Die rasche Entwicklung seiner Karriere ist – abgesehen von seiner persönlichen Begabung – auch im Kontext seiner Zugehörigkeit zu einer prominenten und einflussreichen Familie von Gelehrten zu sehen. Bezüglich des politischen und gesellschaftlichen Kontextes ist zu erwähnen, dass während der vorausgegangenen Jahrzehnte in Tunesien ein Modernisierungsprozess in Gang gekommen war, der mit einem staatlichen Struktur- und Kulturwandel einherging. Nach vergeblichen Bemühungen zur Bewahrung der Unabhängigkeit war Tunesien 1881 jedoch zum französischen Protektorat erklärt worden.5 Bis zu dieser Zeit zählten die islamischen Gelehrten zur einflussreichsten tunesischen Gesellschaftsschicht, die das Justizwesen, den Erziehungssektor und das Stiftungswesen kontrollierte und wichtige staatliche Posten innehatte. Durch ihre Rolle als Muftis, Richter, Lehrer und Prediger in den Moscheen übten die Gelehrten einen bestimmenden Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs aus.6

Schon im Jahr 1896 beendete Ibn-ʿĀšūr seine Grundausbildung an der Ez-Zitouna-Universität und wurde als Assistenzprofessor eingesetzt. Ab dem Alter von 24 Jahren war er als ordentlicher Professor tätig. Ein Jahr später wurde er von staatlicher Seite in die Verwaltung (nizārah) der Ez-Zitouna-Universität und -Moschee berufen. In dieser Funktion begann er sein Projekt einer Bildungsreform, welches er sein Leben lang weiterverfolgen sollte.7 Revolutionär war er dennoch keiner, stets blieb er eingebettet in den Kontext seines familiären Hintergrundes, eines Netzwerks von Interessen und der Beziehung zu den tunesischen wie französischen Machthabern.8 In diesem Zusammenhang bezeichnet Basheer Nafi – der als einer der ersten westlichen Wissenschaftler den Fokus auf Ibn-ʿĀšūrs Beiträge als moderner islamischer Reformer gelenkt hat9 – Ibn-ʿĀšūr als „a non-activist reformist, a somewhat detached intellectual“10. Ibn-ʿĀšūrs Einfluss und seine Anerkennung als Gelehrter wuchsen stetig. Er übte das höchste malikitische Richteramt aus und hatte bereits 1932 als erster malikitischer Gelehrter Tunesiens den Ehrentitel des šayḫ al-islām erhalten.11 In späteren Jahren – im politischen Klima unter Präsident Bourguiba mit zunehmend säkularen Tendenzen12 – begann Ibn-ʿĀšūr jede Verstrickung in öffentliche und politische Angelegenheiten zu vermeiden und fokussierte sich auf seine Schriften,13 enttäuscht von der Richtung, in die sich die islamischen Reformbestrebungen entwickelten.14

Zunächst führte Ibn-ʿĀšūr jedoch im Zuge seiner Bildungsreform moderne Wissenschaften in den Lehrplan ein und reduzierte im Gegenzug das Ausmaß jenes traditionellen Materials, welches er für ein modernes islamisches Lehr- und Lernverständnis als irrelevant erachtete.15 Für ihn stand der Niedergang der islamischen Bildung in engem Zusammenhang mit dem Niedergang der muslimischen Ummah im Allgemeinen. Als Gründe für diesen Niedergang definierte er etwa innermuslimische Konflikte, deren Wurzeln er bereits in der islamischen Frühzeit ortete, mangelnde Zielgerichtetheit und Spezialisierung, verbunden mit dem Anhäufen unnötigen Wissens, sowie das Vorherrschen von taqlīd (Nachahmung) bei gleichzeitigem Niedergang des iǧtihād (selbständige Meinungsfindung) im islamischen Recht.16

Zu Ibn-ʿĀšūrs Anliegen zählte nicht nur die Bildung, sondern auch eine Reform des islamischen Rechts. Sein Ziel war, islamisches Reformdenken „mit der modernen Welt zu versöhnen“17. Er beschäftigte sich besonders mit dem Sinn und den Zwecken der Scharia (maqāșid). Bei den maqāșid, mit welchen sich u.a. al-Ġazzālī besonders beschäftigte, geht es um die fünf zu schützenden, grundlegenden Güter Religion, Leben, Vernunft, Nachkommenschaft und Eigentum.18 Als Ziel der maqāșid-Theorie kann die „Erforschung aller vom göttlichen Gesetzgeber festgelegten und vom Propheten etablierten Gebote und Verbote, das Gute zu fördern, den Menschen Nutzen zu bringen und sie vor dem Bösen, dem Schaden und dem daraus resultierenden Leiden zu schützen, gesehen werden.“19 Mit dem Focus auf den  maqāșid lag Ibn-ʿĀšūr durchaus im Trend seiner Zeit. Seit dem späten 19. Jahrhundert war unter arabisch-islamischen Reformern das Interesse an den maqāșid neu erwacht, da sie die Möglichkeit für eine moderne, vernunft- und kontextbezogene Rechtsauslegung boten.20 Ibn-ʿĀšūrs diesbezüglich relevantes Werk (Maqāṣid al-Sharīʿah al-Islāmīyah, erschienen erstmals 1946) ist 2006 in englischer Übersetzung (Treatise on Maqāșid al-Shariʿah) erschienen.

Ibn-ʿĀšūr maß den maqāșid eine überaus wichtige Bedeutung im Zusammenhang mit der islamischen Rechtsfindung bei, deren Theorie im Grunde seit der islamischen Frühzeit unverändert geblieben war. Weiters thematisierte er Absicht und Zweck der Handlungen und Entscheidungen des Propheten Muhammad. Er erstellte Kriterien, mit deren Hilfe die prophetischen Aussagen jeweils bestimmten Kategorien zugeordnet werden können, wie etwa jenen zu politischer Leitung, Gerichtsurteilen, Konfliktlösung oder guten Ratschlägen. Als wichtigsten Beitrag Ibn-ʿĀšūrs kann man die Entwicklung neuer maqāșid erachten, indem er eine „neue, zeitgenössische Terminologie prägte, welche in der traditionellen islamischen Rechtsfindung zuvor nie formuliert worden war.“21 Dies eröffnet dem islamischen Recht neue Zugänge angesichts aktueller Herausforderungen, vor denen die gegenwärtigen muslimischen Gesellschaften sowie muslimischen Minderheiten stehen.22

Besonders bekannt geworden ist Ibn-ʿĀšūr für sein dreißig Bände umfassendes Werk zur Koranexegese mit dem Titel al-Taḥrīr wa'l-tanwīr (engl. The Verification and Enlightenment), welches sein opus magnum und gleichzeitig sein letztes großes Werk darstellt, im Westen jedoch kaum Beachtung fand.23 Nafi bezeichnet es als „the culmination of a long life of Islamic learning and involvement in Islamic education and public life, the judiciary and the mufti-dom.“24 Der erste Band, mit einem ausführlichen Kommentar zur ersten Sure und zum ersten Abschnitt des Korans, erschien im Jahr 1956, das komplette Werk wurde erst 1970 publiziert.25

Entgegen der dominierenden Methode, sich in der Koranexegese eher auf authentische islamische Quellen wie Koran und Hadith zu stützen als auf die eigene, vernunftbasierte Interpretation, betonte Ibn-ʿĀšūr die wichtige Rolle der menschlichen Vernunft, insbesondere in der Begründung rechtlich relevanter koranischer Inhalte. Vor allem aber wandte er die vormoderne, philologische Hermeneutik an, um neue, moderne Interpretationen der Korantexte zu erarbeiten.26 Er verfolgte das Ziel, einen modernen Wandel zu erreichen, aber in Kontinuität mit, anstatt abseits der Tradition.27 Theologisch betrachtet bleibt Ibn-ʿĀšūr in seinem Tafsir dennoch den vorherrschenden aschʿaritischen Positionen verbunden, insbesondere bezüglich der Fragen nach den Eigenschaften Gottes, der göttlichen Rede und dem aschʿaritischen Konzept des kasb, der Aneignung der Handlungen durch den Menschen.28

Das Verdienst Ibn-ʿĀšūrs kann dahingehend definiert werden, dass er einerseits die ins Abseits geratene, juristische Frage nach den Zwecken der Scharia wiederbelebt hat und andererseits im Rahmen der Tradition eine Interpretation des Islams entworfen hat, die den Anforderungen der modernen Zeit entspricht.29

Muḥammad aṭ-Ṭāhir Ibn-ʿĀšūr starb im Jahr 1973 im Alter von fast 94 Jahren.


Weiterlesen
Fussnoten

1 Vgl. Basheer M. Nafi: »Ṭāhir ibn ʿĀshūr: The Career and Thought of a Modern Reformist ʿālim, with Special Reference to His Work of tafsīr«, in: Journal of Qur'anic Studies, Vol. 7, No. 1 (2005), S. 1-32, hier S. 1f., 6, 9f.

2 B. M. Nafi 2005, S. 13.

3 Vgl. ebd., S. 13.

4 Vgl. ebd., S. 2, 6, 8-10, 12.

5 Vgl. ebd., S. 2, 5f., 9.

6 Vgl. ebd., S. 6.

7 Vgl. ebd., S. 8f.

8 Vgl. ebd., S. 9.

9 Hadia Mubarak: Intersections: Modernity, Gender and Qur´anic Exegesis. Dissertation, Washington, D.C. 2014, S. 49.

10 B. M. Nafi 2005, S. 9.

11 Vgl. ebd., S. 10.

12 Vgl. H. Mubarak 2014, S. 52.

13 Vgl. B. M. Nafi 2005, S. 12.

14 Vgl. H. Mubarak 2014, S. 52.

15 Vgl. B. M. Nafi 2005, S. 12.

16 Vgl. ebd., S. 13f.

17 Ebd., S. 10 (Übers. d. Verf.).

18 Vgl. Islamische Zeitung: Maqāșid aŝ-ŝarīʿa: Ein Interview mit dem Wissenschaftler Idris Nassery anlässlich einer anstehenden Konferenz in Paderborn 2014, www.islamische-zeitung.de/maqid-a-ara-ein-interview-mit-dem-wissenschaftler-idris-nassery-anlaesslich-einer-anstehenden-konferenz-in-paderborn/, abgerufen am 22.06.2018.

19 Ebd.

20 Vgl. B. M. Nafi 2005, S. 16.

21 International Institute of Islamic Thought (IIIT): Shaikh Muhammad al-Tahir Ibn Ashur o.J., www.iiit.org/news---shaikh-muhammad-al-tahir-ibn-ashur.html (Übers. d. Verf.), abgerufen am 12.06.2018.

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. B. M. Nafi 2005, S. 17.

24 B. M. Nafi, S. 17.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. H. Mubarak 2014, S. iv., 50 sowie B. M. Nafi 2005, S. 22.

27 Vgl. Hadia Mubarak: »Change Through Continuity: A Case Study of Q. 4:34 in Ibn ʿĀshūr's al-Taḥrīr wa'l-tanwīr«, in: Journal of Qur'anic Studies, Vol. 20, Iss. 1 (2018), S. 1-27, hier Abstract.

28 Vgl. H. Mubarak 2014, S. 49.

29 Vgl. B. M. Nafi 2005, S. 26.

weiterführende Literatur

Mubarak, Hadia: Intersections: Modernitiy, Gender and Qur´anic Exegesis. Dissertation, Washington, D.C. 2014.

—: »Change Through Continuity: A Case Study of Q. 4:34 in Ibn ʿĀshūr's al-Taḥrīr wa'l-tanwīr«, in: Journal of Qur'anic Studies, Vol. 20, Iss. 1 (2018), S. 1-27.

Nafi, Basheer M.: »Ṭāhir ibn ʿĀshūr: The Career and Thought of a Modern Reformist ʿālim, with Special Reference to His Work of tafsīr«, in: Journal of Qur'anic Studies, Vol. 7, No. 1 (2005), S. 1-32.