22.05.2018 - #Glaubenspraxis #Glaube

Takfīr: Ursprung und Entstehung

Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit dem Thema des takfīr im Islam. Nach einer allgemeinen Einführung wird die Praxis des takfīr erklärt und es werden auch der Ursprung und die geschichtliche Entwicklung näher beleuchtet. Darüber hinaus wird auf die Frage, ob takfīr ein Phänomen der Moderne oder in der islamischen Theologie fest verankert ist, eingegangen.


Der Begriff takfīr, der vor allem von extremistischen Bewegungen für die Diskreditierung anderer Meinungen verwendet wird, hat spätestens mit der Erscheinung neo-salafistischer Gruppierungen und anderen muslimischen Randgruppen auch im deutschsprachigen Raum Berühmtheit erlangt und sorgt, besonders im Internet, unter den Anhängern der jeweiligen Gruppen für heftige Diskussionen. Doch was bedeutet überhaupt takfīr? Ist es ein Phänomen der Moderne, kommt es  geschichtlich vor und  ist es ein Konzept, das in der islamischen Theologie fest verankert ist? Leider finden wir in deutscher Sprache, außer einigen Propagandamaterialien1, wenig bis gar keine weiterführende Literatur dazu. Daher sollen mit diesem Beitrag einige Facetten von takfīr erläutert werden, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Das Wort takfīr leitet sich im Arabischen von derselben Wurzel k-f-r wie das Wort kufr oder kāfir ab und ist das Verbalsubstantiv des Verbstamms II. von kaffara, das etymologisch „bedecken, verbergen“ bedeutet. In diesem Zusammenhang kann es auch mit „jemanden zum kāfir oder Ungläubigen erklären“ übersetzt werden.2 Der Vorwurf als solches wird takfīr genannt, während der Unglaube selbst mit kufr3 bezeichnet wird. Diese Methode wird in der Praxis dazu verwendet einen Muslim (takfīr al-mu´ayyan) oder ganze Gruppen (takfīr `āmm oder muṭlaq) als Leugner, Ungläubige oder Abtrünnige zu bezeichnen, sie der Apostasie (Glaubensabfall, ar. ridda) zu bezichtigen und sie auf eine Art zu exkommunizieren. Damit verlieren diese Personen automatisch jeglichen Rechtsanspruch4 was unter Umständen sogar dazu führen kann, wie im Fall des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sādāt (gest. 1981), dass sie ermordet werden, weil sie „als nicht mehr zur Gemeinschaft der Muslime zugehörig“5 angesehen werden.

Geschichtlicher Überblick

Obwohl im Koran Verse vorhanden sind, die takfīr verurteilen: „[…] sagt nicht – aus einem Verlangen nach den flüchtigen Gewinnen dieses weltlichen Lebens – zu einem, der euch den Friedensgruß entbietet: »Du bist keiner der Gläubigen« […]“6,  und die von den vielen Formen von kufr warnen, hat sich in der islamischen Theologie diese Tradition weitgehend etabliert.7 Auch zu Lebzeiten des Propheten war diese Praxis nicht unüblich. Der Prophet selbst hat aber nie takfīr betrieben, obwohl er wusste, dass innerhalb seiner Gemeinschaft auch Heuchler8 unterwegs waren. Vielmehr hat er vor einem solchen Vorwurf stets gewarnt: „[…] Und wer einen Gläubigen verflucht, der handelt genauso, als ob er ihn getötet hätte, und wer dem anderen den kufr (Unglauben) vorwirft, der handelt auch so, als ob er ihn getötet hätte.“9

Die muslimischen Gelehrten sind sich weitgehend darüber einig, dass die Anfänge des Takfir-Konzeptes bei der Bewegung der Ḫāriǧiten zu finden sind, die sich gegen den vierten Khalifen ʿAlī b. Abī Ṭālib (gest. 661) gestellt haben, weil er sich im Streit nach dem Khalifat auf ein menschliches Urteil einließ.

Dadurch entwickelten sie eine minimalistische Sichtweise, wer zu der Gemeinschaft der Gläubigen gehört, und beschränkten ihre Mitgliedschaft auf diejenigen, die ihre politische Doktrin akzeptierten und die einen aufrichtigen Glauben praktizierten. Diejenigen, die diese Kriterien nicht erfüllten, weil sie beispielsweise die Gebete vernachlässigten, zählten sie zu den Ungläubigen.10 Auch andere Gruppen praktizierten im Laufe der Geschichte takfīr.11

Zu den Themen, die den Diskurs prägten und dazu führten, dass andere Gruppen als ungläubig abgestuft wurden, gehören die große Sünde, Prädestination, Attribute Gottes, Wort Gottes und ähnliches. So galten für die Schiiten all jene, die das Imamat nicht akzeptierten, als ungläubig, bei den Mu’taziliten wiederum waren es jene, die die Unerschaffenheit des Korans vertraten.12 Als Beleg für den eigenen absoluten Wahrheitsanspruch wird sehr oft folgende Aussage des Propheten Muhammad verwendet: „[…] Meine Gemeinde wird sich in 73 Gruppen spalten, eine Gruppe wird ins Paradies kommen, die anderen 72 ins Höllenfeuer. ,Es wurde gesagt: Oh Prophet, wer sind sie?‘ Er sagte: ,Die Gemeinschaft‘.“13 Da hier explizit keine bestimmte Gruppe genannt wurde, beansprucht jede Gruppe diesen Hadith für sich und bezichtigt die anderen des Unglaubens. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die bloße Abgrenzung nicht mit dem takfīr gleichgesetzt werden darf. Die bereits erwähnten Diskurse sind jedoch vorhanden und könnten auch missbräuchlich als Grundlage dienen, um takfīr zu betreiben.

Die islamischen Rechtsschulen sind der Auffassung, dass takfīr nicht betrieben werden soll, denn jeder der Gottes Einheit bezeugt und die islamischen Grundprinzipien respektiert, gehört demnach zur Gemeinschaft der Muslime.14 Doch die muslimischen Gelehrten haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zum takfīr: während eine Gruppe wie Abū Ḥanīfa (gest. 767), aṭ-Ṭaḥāwī (gest. 933), al-Ašʿarī (gest. 935) oder al-Ǧurǧānī (gest. 1413) die obengenannte Auffassung vertreten, warnen andere namhafte Gelehrte wie al-Ġazzālī (gest. 1111), Ibn Ḥazm  (gest. 1064) oder Ibn Taimīya (gest. 1328) zwar vor der Anwendung von takfīr, gleichzeitig aber verurteilten sie einige Kategorien, die nicht ihre Ansicht teilten, als „Ungläubige“. So bezichtigte al-Ġazzālī (gest. 1111) einige muslimische Philosophen des Unglaubens und auch Ibn Taimīya (gest. 1328). Obwohl Ibn Taimīya zu den strengsten Gelehrten gehört, die takfīr verurteilten, wurde er paradoxerweise zur Inspiration für viele moderne Islamisten, da er selbst regelmäßig seine Gegner des Unglaubens beschuldigte.15

Auch im Verlauf der weiteren Geschichte erlosch die Idee des takfīr nie gänzlich, sondern flammte in der Moderne erneut auf, vor allem durch das Wirken des Muḥammad ibn ʿAbd al-Wahhāb‘s (gest. 1792)16 und seiner Anhänger (Wahhabiten). Dieser Gedanke wird mit der Gründung der Muslimbruderschaft (1928), später von Saiyid Quṭb (gest. 1966)17 weitergeführt und hält bis in die Gegenwart durch Terrororganisationen wie al-Qaida18 oder ISIS19 an. Auch neo-salafistische Gruppierungen, die weltweit aber auch im deutschsprachigen Raum verbreitet sind, betreiben takfīr und erklären ihre Gegner zu Ungläubigen. Hierzu ist aber Vorsicht geboten, denn unter den Neo-Salafisten herrscht über den Gebrauch von takfīr Uneinigkeit und  es gibt verschiedene Strömungen, die diese Praxis, besonders wenn es sich um einen Apostasievorwurf gegen einen Herrscher handelt, nicht anwenden oder es sehr kontrovers diskutieren.20

Schluss

Wie aus den Ausführungen zu entnehmen ist, ist takfīr keinesfalls ein modernes Phänomen, Von seinen Befürwortern wird es einerseits durch die geschichtliche Anwendung legitimiert, andererseits ist es ein Konzept, das sich durchaus in der islamischen Theologie wiederfinden lässt. Nichtsdestotrotz wird takfīr von den meisten Musliminnen und Muslimen als ein gefährliches Instrument angesehen, das für den Beschuldigten/die Beschuldigte große Konsequenzen, vom Ausschluss aus der Gesellschaft bis zur Ermordung, mit sich bringen kann. Es darf auch nicht vergessen werden, dass im Prinzip jede theologische Strömung sich aus einem politischen Anlass heraus entwickelt hat und je nachdem wer den theologischen Diskurs beherrschte, auch seine Ansicht für absolut wahr hielt und die Gegner des Unglaubens bezichtigt wurden. Dabei ging es nicht um eine berechtigte Kritik an die Gegenseite sondern lediglich um die Legitimation der eigenen Sichtweise.21 Daher haben muslimische Rechtsgelehrte, Sunniten wie Schiiten, versucht durch klare Kriterien und eine Unterteilung in verschiedenen Stufen von kufr22 die Ausführung von takfīr einzuschränken oder gänzlich zu umgehen und fordern für einen solchen Vorwurf  unwiderlegbare Beweise.23

Dieses Bemühen war sicherlich ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ein Neuaufflammen dieses Phänomens in unserer heutigen Zeit zeugt von einer fehlenden Ambiguitätstoleranz, die durch extreme Strömungen gefördert wird. Es liegt an den neuen muslimischen Theologinnen und Theologen, sich dieser Herausforderung zu stellen und neue Konzepte zu entwickeln, wie man mit diesem Thema im aktuellen Kontext besser  umgehen kann.


Weiterlesen
Fussnoten

1 Vgl. Tauhid islam: Der Takfir ist etwas Gutes und nichts Übles! 2014, tauhid-islam-ikhlas.blogspot.co.at/2014/11/der-takfir-ist-etwas-gutes-und-nichts.html vom 15.12.2017.

2 Vgl. J. O. Hunwick: »Takfīr«, in: P. J. Bearman/Th. Bianquis/C. E. Bosworth et al. (Hg.), The encyclopaedia of Islam. New edition, Leiden: Brill 2000, S. 122.

3 In der islamischen Theologie gibt es verschiedene Arten von kufr: Eine grobe Unterteilung ist in großen Unglauben (kufr akbar) und kleinen Unglauben (kufr aṣghar). Diese lassen sich in weitere Untergruppen unterteilen, darauf werden wir aber nicht eingehen. Während man beim ersten automatisch vom Islam abfällt, fällt man beim zweiten nicht vom Glauben ab, es zählt aber zu den großen Sünden.

4 Vgl. Justyna Nedza: »Salafismus - Überlegung zur Schärfung einer Analysekategorie«, in: Behnam T. Said/Hazim Fouad (Hg.), Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam, Freiburg im Breisgau: Herder 2014, S. 80-105, hier S. 90.

5 Olaf Farschid: »Salafismus als politische Ideologie«, in: Behnam T. Said/Hazim Fouad (Hg.), Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam, Freiburg im Breisgau: Herder 2014, S. 160-192, hier S. 174.

6 Muhammad Asad: Die Botschaft des Koran. Übersetzung und Kommentar, Ostfildern: Patmos Verlag 2015, 4:94.

7 Vgl. Camilla Adang/Hassan Ansari/Maribel Fierro et al. (Hg.): Accusations of Unbelief in Islam. A Diachronic Perspective on Takfir, Leiden, Boston: Brill 2015, S. 2.

8 Vgl. Koran, 2:8-16.

9 Muḥammad b. I. al-Buḫārī: Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, Beirut, Damaskus: Dār Ibn Kathīr 2002, Kapitel 78, Nr. 6047, S. 1515.  

10 Vgl. C. Adang/H. Ansari/M. Fierro et al. (Hg.), S. 4.

11 Vgl. Mansour S. H. Alshammari: Takfīr and Terrorism: Historical Roots, Contemporary Challenges and Dynamic Solutions. With special reference to al-Qa'ida and the Kingdom of Saudi Arabia. Dissertation 2013, S. 36-37.

12 Vgl. Muammer Esen: »Jemanden des Unglaubens bezichtigen (isl.)«, in: Richard Heinzmann (Hg.), Lexikon des Dialogs. Grundbegriffe aus Christentum und Islam, Freiburg im Breisgau: Herder 2013, S. 373-375, hier S. 374.

13 Muḥammad Ibn Yazīd Ibn-Māǧa/Abū-Ṭāhir Zubair ʿAlī Zaʾī (Hg.): English translation of Sunan Ibn Mâjah (= Band 5), Riyadh: Darussalam 2007, Kapitel 36, Nr. 3992, S. 204.

14 Vgl. dazu M. b. I. al-Buḫārī, Kapitel 8, Nr. 391, S. 108.  

15 Vgl. C. Adang/H. Ansari/M. Fierro et al. (Hg.), S. 8-14.

16 Vgl. M. S. H. Alshammari, S. 114.  

17 Vgl. Justyna Nedza: »The Sum of its Parts: The State as Apostate in Contemporary Saudi Militant Islamism«, in: Camilla Adang/Hassan Ansari/Maribel Fierro et al. (Hg.), Accusations of Unbelief in Islam. A Diachronic Perspective on Takfir, Leiden, Boston: Brill 2015, S. 304-326, hier S. 307.

18 Vgl. M. S. H. Alshammari, S. 107.

19 Vgl. Rüdiger Lohlker: Theologie der Gewalt. Das Beispiel IS (= UTB, Band 4648), Wien: facultas 2016, S. 104-106.

20 Vgl. J. Nedza, S. 90-95.

21 Vgl. M. Esen, S. 374.

22 Siehe dazu C. Adang/H. Ansari/M. Fierro et al. (Hg.), S. 10-12. 

23 Vgl. C. Adang/H. Ansari/M. Fierro et al. (Hg.), S. 12.

weiterführende Literatur

Adang, Camilla/Ansari, Hassan/Fierro, Maribel et al. (Hg.): Accusations of Unbelief in Islam. A Diachronic Perspective on Takfir, Leiden, Boston: Brill 2015.