30.09.2021 - #Gesellschaft #Menschenrechte / Demokratie / Säkularismus

Theologische Ansätze und Quellen zur Rechtfertigung von Antisemitismus

Der vorliegende Artikel bietet einen Überblick über unterschiedliche theologische Ansätze und Quellen, die den Antisemitismus im islamischen Kontext begünstigen. Es ist allerdings anzumerken, dass die angeführten Beispiele keinen Wahrheitsanspruch erheben, sondern lediglich zur Veranschaulichung dienen.


Nachdem schon in einem früheren Islamportal-Beitrag das Thema „Antisemitismus und Islam“ behandelt wurde, widmet sich dieser Text den theologischen Grundlagen des Antisemitismus im islamischen Kontext. Hierbei werden sowohl historische Beispiele als auch Koranverse und Hadithe angeführt, die Thesen und Ansätze beinhalten, welche antisemitische Tendenzen begünstigen. Wichtig zu erwähnen ist allerdings, dass die angeführten Beispiele, mit Ausnahme jener aus dem Koran, nicht entsprechend ihrer Authentizität ausgesucht worden sind, sondern einen Überblick darüber geben sollen, mit welchen Argumenten Antisemitismus in bestimmten Kreisen islamisch gerechtfertigt wird.

Ein Fall, auf den immer wieder zurückgegriffen wird, wenn es um die Rechtfertigung von Judenfeindlichkeit geht, ist jener des Stammes Banū Quraiẓa. Die Banū Quraiẓa gehörten neben den Banū Qainuqāʿ und den Banū an-Nadīr zu Lebzeiten des Propheten Muhammad zu den bedeutendsten und politisch mächtigsten Stämmen im damaligen Yaṯrib (heute Medina). In einem gemeinsamen Vertrag mit dem Propheten Muhammad wurde unter anderem vereinbart, dass bei Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen weder die Juden noch die Muslime den Gegnern des Vertragspartners zu Hilfe kommen dürften. Nachdem die Vereinbarung – nach islamischen Quellen – von Seiten der Banū Quraiẓa gebrochen worden war, kam es zu einer 25-tägigen Belagerung durch die Muslime, bis sich der Stamm der Banū Quraiẓa bedingungslos ergab.1 Zum Richter gewählt, beschloss Saʿd b. Muʿāḏ, dass die zwischen 600 und 900 Männer der Banū Quraiẓa2 getötet und Frauen und Kinder versklavt werden sollten. Diese Entscheidung soll der Prophet Muhammad legitimiert haben3, was bis heute für scharfe Kritik sorgt. Eine Legitimation für die damalige Haltung4 des Propheten lieferten die Koranverse 33:26f., welche kurz danach offenbart wurden. Darin heißt es:

„und Er brachte aus ihren Festungen jene der Anhänger früherer Offenbarungen herunter, die den Angreifern geholfen hatten, und warf Schrecken in ihre Herzen: einige tötetet ihr und einige nahmt ihr gefangen; und Er machte euch zu Erben ihrer Lande und ihrer Häuser und ihrer Güter – und (versprach euch) Lande, auf die ihr nie einen Fuß gesetzt hattet: denn Gott hat fürwahr die Macht, alles zu wollen.“5

Dieses tragische Ereignis, das jedoch in einem bestimmten historischen Kontext stattgefunden hat, wird von fundamentalistischen Kreisen heute gerne als Rechtfertigung des Antisemitismus im islamischen Kontext verwendet. Dabei geht es diesen Kreisen selten um Sachlichkeit. Denn es ist unmöglich, diesen Vorfall als Grundlage zu nehmen, um eine antisemitische Haltung zu legitimieren, ohne dabei die islamischen Quellen außer Acht zu lassen. Erstens sind widersprüchliche Überlieferungen zu diesem Vorfall vorhanden, sodass die Authentizität nicht gesichert ist. Weiters gibt es zum Beispiel neben der geschilderten Variante auch eine andere Überlieferung über das Geschehen, wonach nur die Stammesführer getötet worden seien.6

Allgemein wird dieser Fall in der islamischen Gelehrsamkeit nicht mit Antisemitismus in Verbindung gebracht, sondern mit dem Umstand, dass einer von mehreren jüdischen Stämmen seine Vereinbarung mit den Muslimen nicht eingehalten hat.7 Dies mindert zwar nicht die Tragik des Ereignisses, lässt aber keinen Raum für Antisemitismus, weil es als Konsequenz für den Bruch von zuvor geschlossenen Abkommen8 eingestuft wird, was nichts mit der religiösen Zugehörigkeit der Vertragspartner zu tun hat und keine Verallgemeinerungen zulässt.          

Ein weiterer Koranvers, der zitiert wird, um Antisemitismus im islamischen Kontext zu legitimieren, ist der Vers 51 in Sure 5. Darin heißt es:

„O ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Nehmt nicht die Juden und die Christen zu euren Verbündeten: sie sind nur Verbündete untereinander – und wer immer von euch sich mit ihnen verbündet, wird wahrlich einer von ihnen; siehe, Gott leitet solche Übeltäter nicht recht.“9

Andere Koranübersetzungen verwenden anstelle des Wortes Verbündete das Wort Freunde10, was auf den ersten Blick den Eindruck erwecken könnte, dass jegliche zwischenmenschlichen Beziehungen zu Juden und Christen untersagt wären. Analysiert man jedoch das dafür im arabischen Original verwendete Wort walī, so stellt sich heraus, dass das Deutungsspektrum um einiges breiter ist. Denn ein walī kann auch die Funktion einer Autoritätsperson11 oder eines Verwaltungsleiters12 erfüllen, was die Bedeutung des Koranverses ändert. Vom Offenbarungsanlass dieses Verses ist eindeutig abzuleiten, dass nicht die Pflege von Freundschaften mit Andersgläubigen untersagt wird; vielmehr geht es um eine Empfehlung, die sich auf einen damals bestehenden Konflikt zwischen einigen jüdischen Stämmen und Muslimen bezieht und keinen religiösen, sondern einen politischen Hintergrund hat. Eine Interpretation, die den historischen Kontext nicht berücksichtigt, würde vor allem den zahlreichen Koranversen widersprechen, die eine Freundschaft mit Andersgläubigen fördern und MuslimIinnen grundsätzlich keine andere Wahl lassen, als diesen in Frieden und Freundschaft zu begegnen.    

Somit wäre die Relevanz des Verses im heutigen Kontext kritisch zu hinterfragen.13 Trotz allem dient der angeführte Koranvers zahlreichen fundamentalistischen Kreisen dazu, jegliche Beziehungen zu Juden und Christen, sei es auf persönlicher oder geschäftlicher Ebene, untersagen zu wollen.

Nicht zuletzt spielt der Nahost-Konflikt eine immense Rolle bei der Verbreitung des Antisemitismus im islamischen Kontext, welcher nach Kiefer eine „Folgeerscheinung des Palästinakonflikts“14 sei. Der Frust in diesem Zusammenhang kommt nicht zuletzt bei den zahlreichen Demonstrationen zum Vorschein. Hierbei spielt auch das Internet eine bedeutende Rolle, beispielsweise durch die zahlreichen Social-Media-Accounts, welche Antisemitismus propagieren und die Juden als Feinde der Muslime darstellen. Dabei werden sowohl Koranverse von unzureichend qualifizierten Personen gedeutet sowie auch Hadithe angeführt, deren Authentizität äußerst umstritten ist. Zusätzlich wird aber auch auf nicht-islamische Quellen zurückgegriffen, wie die Protokolle der Weisen von Zion, bei denen Stellen herausgesucht werden, welche die eigene Ideologie bekräftigen. Besonders anfällig für diese Art der Propaganda sind all jene Menschen, welche keine ausreichenden Kenntnisse in diesem Bereich aufweisen und somit effektiver zu beeinflussen sind.

Ungeachtet der mehrdeutigen Koranverse und der äußerst problematischen Überlieferungen, die in Kombination mit der aktuellen politischen Lage im Nahen Osten dazu instrumentalisiert werden können, Antisemitismus islamisch zu rechtfertigen bzw. zu begründen, lässt eine ganzheitliche Betrachtung der islamischen Quellen die Rechtfertigung von Antisemitismus eindeutig nicht zu. Auch das Beispiel des Propheten Muhammad kann trotz zahlreicher politischer Konflikte mit Andersgläubigen nicht als Grundlage zur Legitimierung von Antisemitismus herangezogen werden. Nicht zuletzt zeigt die Geschichte, dass Muslime in keiner Epoche generell antisemitisch gewesen sind, geschweige denn Antisemitismus religiös begründet haben. Im Gegenteil waren Gebiete bzw. Länder mit muslimischer Mehrheit stets sichere Orte für jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, in denen sie viel mehr Rechte besaßen, als in christlich dominierten Gebieten zur selben Zeit, selbst wenn es auch unter muslimischer Herrschaft bestimmte Einschränkungen gab, die aus Sicht eines heutigen Verständnisses von Menschen- und Bürgerrechten nicht mehr akzeptabel wären. Fakt ist aber, dass diese Umstände nicht islamisch-theologisch begründbar sind, sondern mit dem damaligen Menschenbild und Religionsverständnis.

Um die Errungenschaften der Vergangenheit wiederzubeleben und dem bei manchen MuslimInnen vorhandenen Antisemitismus entgegenzuwirken, braucht es vor allem eine kritische Auseinandersetzung mit den islamischen Quellen und Aufklärungsarbeit. Eine bloße Rückbesinnung auf die Vergangenheit wird angesichts der sich veränderten Umstände nicht ausreichend sein.


Weiterlesen
Fussnoten

1 Vgl. W. Montgomery Watt: “Ḳurayẓa”, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, Edited by: P. Bearman, Th. Bianquis, C. E. Bosworth, E. van Donzel, W. P. Heinrichs (2012).

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd.

4 Shady Hekmat Nasser: Sure 33 Verse 26-27. Die Auslöschung eines jüdischen Stammes. Deutschlandfunk 2017, https://www.deutschlandfunk.de/sure-33-verse-26-27-die-ausloeschung-eines-juedischen.2395.de.html?dram:article_id=371810, abgerufen am 29.09.2021.

5 Muhammad Asad [Übers.]: Die Botschaft des Koran. Übersetzung und Kommentar, Ostfildern: Patmos 2013, Koran 33:26f.

6 Vgl. S. H. Nasser 2017.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Koran 5:51.

10 Vgl. Johanna Pink: Sure 5 Vers 51. Über die Freundschaft zwischen Muslimen, Juden und Christen. Deutschlandfunk 2015, https://www.deutschlandfunk.de/sure-5-vers-51-ueber-die-freundschaft-zwischen-muslimen.2395.de.html?dram:article_id=320494, abgerufen am 29.09.2021.

11 Ed: “Wālī”, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, Edited by: P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs. (2012).

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Michael Kiefer: »Islamischer, islamistischer oder islamisierter Antisemitismus?«, in: Die Welt des Islams, New Series, 46 / 3 (2006), S. 277-306, hier S. 279.

weiterführende Literatur

Kiefer, Michael: »Islamischer, islamistischer oder islamisierter Antisemitismus?«, in: Die Welt des Islams, New Series, 46 / 3 (2006), S. 277-306.

Stender, Wolfram / Follert, Guido / Özdogan, Mihri (Hrsg.): Konstellationen des Antisemitismus. Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010.