30.10.2017 - #Glaube #Glaubenspraxis #Glaubenslehre

Vorsehung - Hat der Mensch einen freien Willen?

Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit dem Thema Vorsehung und geht der Frage nach, ob der Mensch laut islamischem Verständnis einen freien Willen besitzt? Nach einer allgemeinen Einführung werden die Positionen der verschiedenen Denkschulen dazu erörtert und es wird untersucht, wie der Koran zu dieser Frage steht. 


Die Vorsehung gehört zu den Themen, die schon in der Frühzeit des Islam von muslimischen Theologen vielfach diskutiert worden sind. Der arabische Begriff dazu lautet „qadar“ – Maß, festgesetzte Menge – und wird in Bezug auf Prädestination und freien Willen mit Vorsehung, Vorherbestimmung oder Schicksal verwendet1. Weiters gehört der Glaube an die Vorsehung zu den „6 Glaubensgrundsätzen des Islam“. Die Frage, die sich nun zurecht stellt, ist: Was besagt der Glaube an die Vorsehung genau? Hat der Mensch im Islam einen freien Willen oder ist er von jeglicher Verantwortung befreit, da alles determiniert ist?

Dazu entwickelten sich bereits sehr früh drei verschiedene Gruppierungen, die diesbezüglich unterschiedliche Meinungen vertreten. Dabei handelt es sich um die Dschabrīya, Mu’tazila und um die Ašʿarīya.2

Die Dschabrīya rund um Ǧahm b. Ṣafwān (gest. 746) gehen von der Handlungsunfähigkeit des Menschen aus und schreiben sowohl die Absichten als auch die Handlungen an sich Gott allein zu. Demnach hat der Mensch keinen freien Willen. Alles ist durch Gott vorherbestimmt.

Die Mu’tazila hingegen sprechen sich für den freien Willen des Menschen aus. Sowohl die Absichten als auch die Handlungen sind nach Auffassung dieser Gruppe menschliche Werke, für die der Mensch Verantwortung trägt. Aus diesem Grund wurde dieser Denkschule stets vorgeworfen, die Allmacht und Autorität Gottes in ihren Lehren einschränken zu wollen.

Die Ašʿarīya sind wiederum der Ansicht, dass zwar die Handlungen Gott erschafft, die Absicht jedoch dem Menschen zugeschrieben werden muss. Damit legt der Mensch seine Handlungen nicht selber fest, sondern "erwirbt" bzw. "eignet" sich (kasb-Doktrin) diese an. Sie sind darauf bedacht, dem Menschen eine beschränkte Freiheit zuzugestehen, betonen aber die Allmacht Gottes und behaupten, alle Handlungen sind von Gott erschaffen. Die Lehre der Ašʿarīya konnte sich als "Mittelposition" bisweilen unter den Muslimen durchsetzen.

Auch die orthodoxe Theologie ist mehr dem Determinismus zugeneigt.Dies stellt Reinhard Leuze fest, indem er sagt: "Der Islam neigt dazu, die eigene Ursächlichkeit menschlichen Tuns zu vernachlässigen, und alles Geschehen in direkter Weise auf die permanente Schöpfungstätigkeit Gottes zurückzuführen."4 Ob diese Erläuterung als ausreichend betrachtet werden kann, sei dahingestellt, offen bleibt jedoch die Frage, was und wodurch die Durchsetzung des Determinismus begünstigt worden ist? Stieglecker nennt in seinem Buch "Die Glaubenslehren des Islam" drei Ursachen5 dafür: 1) die starke Betonung der Allmacht Gottes im Koran und im Leben Muhammads. Dies war notwendig, um den Gegensatz zur Vielgötterei der Mekkaner aufzuzeigen. Es brachte aber die muslimischen Theologen vor der schwierigen Frage: Wie kann man dem Menschen freies Handeln zubilligen, ohne dabei die göttliche Allmacht einzuschränken? 2) das absolutistische Herrscherideal 3) die deterministische Sicht, Gott alles zuzuschreiben, ist die einfachste Erklärung für das Volk.

Doch was sagt der Koran dazu? Der Koran ist diesbezüglich sehr ambivalent. Er enthält Verse, die sowohl die Lehre vom freien Willen als auch den Determinismus unterstützen. Beide Positionen lassen sich mit dem Koran vereinbaren.6 Einige Verse, die als Legitimation einer Prädestinationslehre genommen werden können, lauten wie folgt: "Und diejenigen, die Unsere Botschaften der Lüge zeihen, sind taub und stumm, in tiefer Finsternis. Wen immer Er will, läßt Gott irregehen; und wen immer Er will, bringt Er auf einen geraden Weg."7 "Für jene, die Gott irregehen läßt, gibt es keinen Rechtleitenden; und Er wird sie in ihrem anmaßenden Hochmut belassen, blind hin und her stolpernd."8 "Sag: "Niemals kann uns etwas treffen, außer was Gott bestimmt hat! Er ist unser Höchster Herr; und auf Gott sollen die Gläubigen ihr Vertrauen setzen!""9 Diese und einige weitere Verse unterstützen auf den ersten Blick die deterministische Sichtweise. Auf der anderen Seite gibt es genügend Verse, die der Verantwortung und Freiheit des Menschen großen Wert beimessen: "Und sag: "Die Wahrheit (ist nun gekommen) von eurem Erhalter: lasse denn an sie glauben, wer will, und lasse sie verwerfen, wer will.""10 "Wer immer tut, was gerecht und recht ist, tut dies zu seinem eigenen Wohl; und wer immer Übles tut, tut dies zu seinem eigenen Schaden: und niemals tut Gott Seinen Geschöpfen das geringste Unrecht an."11

Nach der Analyse solcher Verse kommt Heikki Räisänen zu dem Schluss: "Eine Prädestinations-"Lehre" kann ich im Koran jedoch nicht entdecken, dafür aber eine Entwicklung der Rhetorik."12 Weiters sagt er: "Es trifft also nicht zu, dass - verglichen mit der Vorstellung des freien Willens - der Gedanke einer doppelten Prädestination im Koran überwiegen würde. Ganz im Gegenteil: Fast jede Seite wird vom Gedanken der menschlichen Verantwortlichkeit beherrscht. Der Gott des Korans ist kein willkürlicher Despot, sondern ein streng unparteiischer Richter. Er ist aber auch der Erbarmende."13 Will man die Position vom Determinismus mit Koranversen unterstützen, finden sich zweifelsohne verschiedene Verse, die in diese Richtung auch interpretiert werden könnten. Es ist aber wichtig "zwischen prädestinatianischer Sprache, die es zweifellos im Koran gibt, und prädestinatianischer Lehre, die im Koran fehlt, zu unterscheiden".14

Diese Ansicht unterstützt auch Hans Zirker, indem er sagt: "Wo der Koran den Menschen der Prädestination Gottes unterstellt sieht, geschieht dies jedenfalls nicht, um ihn in seiner Eigeninitiative und -verantwortlichkeit einzuschränken, sondern um ihn in seinem Vertrauen auf Gott zu stärken."15 Schluss Auch wenn in der islamischen Theologie die deterministische Sicht teilweise vorhanden ist, wird diese von der breiten Mehrheit abgelehnt. In Anbetracht der Gesamtheit der koranischen Aussagen kann folgender Minimalkonsens darüber, was Vorsehung nicht ist, erkannt werden: Kein Abschieben der Verantwortung auf Gott, sondern der Mensch ist grundsätzlich frei, auch wenn diese Freiheit begrenzt und gottgegeben ist. Eine deterministische Sicht, wie es die Dschabrīya befürworten, würde gegen die Gerechtigkeit Gottes, die im Koran vielerorts16 vorkommt, verstoßen. Vor allem zeitgenössische Theologen wie Fazlur Rahman lehnen einen Determinismus ab: "To hold that the Qur'ān believes in an absolute determinism of human behavior, denying free choice on man's part, is not only to deny almost the entire content of the Qur'ān, but to undercut its very basis: the Qur'ān by its own claim is an invitation to man to come to the right path (hudan li'l-nās)."17

Die Erkenntnis, dass der menschliche Wille "zugleich frei und gebunden" ist, so beschreibt es Hans Daiber, ist eine "originelle Leistung des frühen Islam."18 Zusammenfassend kann man also behaupten, göttliche Vorsehung ist, dass du selbst deine Taten bestimmen kannst. Der Mensch ist in seinen Handlungen frei, auch wenn dies nicht bedeutet, dass man eine willkürliche Freiheit besitzt, und wird keinesfalls von der eigenen Verantwortung befreit, sondern muss seine Taten selbst verantworten. Die begrenzte Freiheit des Menschen ist kein Angriff oder Eingrenzung der Allmacht Gottes, da diese Freiheit durch ihn ermöglicht und von ihm gewollt ist. Somit kann die Freiheit des Menschen als "Vorherbestimmung" Gottes verstanden werden.

Abschließend sei hier noch ein Zitat von Hans Küng erwähnt: ""Islam" meint nicht die resignativ-passive Hinnahme, die sich mit dem Willen Gottes einfach abfindet, sondern meint die aktive Hingabe, die Bereitwilligkeit, sich auf Gottes Willen einzulassen. Der Mensch ist keineswegs eines willkürlichen Gottes willenloses Werkzeug; denn, auch im Koran wird die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Taten deutlich betont; bestimmt der Mensch selber durch seine Entscheidungen das Maß von Lohn und Strafe; kann deshalb von einer Determiniertheit des menschlichen Handelns keine Rede sein; ist der sogenannte "Fatalismus" der Muslime somit eindeutig als ein westliches Vorurteil (und das "Kismet" als ein Fündlein des Karl May) anzusehen."19


Weiterlesen
Fussnoten

1 Vgl. Emeri J. van Donzel/Bernard Lewis/Charles Pellat (Hg.): Iran-Kha (= The Encyclopaedia of Islam, Band 4), Leiden: Brill 1990, S. 364-367.

2 Vgl. Hermann Stieglecker: Die Glaubenslehren des Islam, Paderborn, München, Wien: Ferdinand Schöningh 1962, S. 97-111.

3 Vgl. Hans Daiber: »Frühe islamische Diskussionen über die Willensfreiheit des Menschen«, in: Uwe an der Heiden/Helmut Schneider (Hg.), Hat der Mensch einen freien Willen? Die Antworten der großen Philosophen, Stuttgart: Reclam 2007, S. 324-339, hier S. 333.

4 Reinhard Leuze: Christentum und Islam, Tübingen: Mohr 1994, S. 224.

5 Vgl. H. Stieglecker: Die Glaubenslehren des Islam, S. 98-100.

6 Vgl. ebd., S. 98.

7 Muhammad Asad: Die Botschaft des Koran. Übersetzung und Kommentar, Ostfildern: Patmos Verlag 2015, (6:39).

8 Koran 7:1786.

9 Koran 9:51.

10 Koran 18:29.

11 Koran 41:46.

12 Heikki Räisänen: »Doppelte Prädestination im Koran und im Neuen Testament?«, in: Hansjörg Schmid/Andreas Renz/Jutta Sperber (Hg.), Heil in Christentum und Islam. Erlösung oder Rechtleitung? Theologisches Forum Christentum – Islam, Stuttgart: Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart 2004, S. 139-159, hier S. 148.

13 Ebd., S. 149.

14 Andreas Renz: Der Mensch unter dem An-Spruch Gottes. Offenbarungsverständnis und Menschenbild des Islam im Urteil gegenwärtiger christlicher Theologie (= Christentum und Islam, Band 1), Würzburg: Ergon-Verlag 2002, S. 382.

15 Hans Zirker: Islam. Theologische und gesellschaftliche Herausforderungen, Düsseldorf: Patmos 1993, S. 80.

16 Siehe Verse 16:112, 41:46, 18.47, 99:7 etc.

17 Fazlur Rahman: Major Themes of the Qur'an. With a New Foreword by Ebrahim Moosa, Chicago, London: The University of Chicago Press 2009, S. 20.

18 H. Daiber: Frühe islamische Diskussionen über die Willensfreiheit des Menschen, S. 338.

19 Hans Küng: »Gottesbild und islamische Mystik, Menschenbild und Gesellschaft. Eine christliche Antwort«, in: Hans Küng/Josef van Ess/Heinrich von Stietencron et al. (Hg.), Christentum und Weltreligionen. Hinführung zum Dialog mit Islam, Hinduismus und Buddhismus, München: Piper 1984, S. 137-155, hier S. 142-143.