Die Philosophie der Freundschaft nach Ibn Miskawayh

03.11.2026

Was macht eine gute Freundschaft aus? Mit dieser Frage beschäftigte sich der muslimische Denker Ibn Miskawayh (gest. 1030). Er zählt zu den bedeutenden Vertretern der islamischen Ethik, also des Nachdenkens über gutes und verantwortliches Handeln. Dieser Beitrag stellt zunächst sein Leben und Denken vor. Anschließend geht es um seine Vorstellung von Freundschaft und ihre Bedeutung für die persönliche Entwicklung.


Leben und Denken

Abū ʿAlī Aḥmad ibn Muḥammad ibn Yaʿqūb ibn Miskawayh stammte aus Rayy im heutigen Iran. Er war ein Universalgelehrter: Er beschäftigte sich mit mehreren Wissensgebieten, darunter Philosophie, Geschichte und Fragen zur menschlichen Seele. Unter den Buyiden, einer damals herrschenden Dynastie, arbeitete er unter anderem in der Finanzverwaltung.1

Über sein persönliches Leben ist wenig bekannt. Er wird dem schiitischen Islam zugeordnet. Ob er selbst von der altiranischen Religion des Zoroastrismus zum Islam übertrat oder bereits einer seiner Vorfahren, ist nicht gesichert.2

Als Bibliothekar in Bagdad hatte Ibn Miskawayh Zugang zu den Schriften griechischer Philosophen. Viele dieser Texte waren damals ins Arabische übersetzt worden. Er setzte sich mit ihnen auseinander und versuchte, ihre Gedanken mit dem islamischen Glauben zu verbinden.3

Ein Beispiel dafür findet sich in seinem Werk al-Fawz al-aṣġar, dessen Titel etwa „Der kleine Erfolg“ bedeutet. Darin deutet er die griechische Philosophie so, dass sie den Glauben an den einen Gott stützt. Aristoteles etwa sprach von einem „unbewegten Beweger“. Gemeint ist ein letzter Ursprung aller Bewegung, der selbst nicht bewegt werden muss. Ibn Miskawayh bringt diese Vorstellung mit Gott in Verbindung. Zugleich betont er die Bedeutung von Offenbarung und Prophetie: Menschliche Vernunft allein reiche für die Gotteserkenntnis nicht aus.4

Der Versuch, philosophische und religiöse Vorstellungen zu verbinden, stieß auch auf Kritik. Ein Streitpunkt betraf die Entstehung der Welt. Nach der Lehre von der „Schöpfung aus dem Nichts“ erschafft Gott die Welt ohne einen bereits vorhandenen Stoff. Die philosophische Vorstellung der Emanation beschreibt dagegen, wie alles Seiende aus einem höchsten Ursprung hervorgeht. Als Bild kann Licht dienen, das von einer Quelle ausstrahlt. Kritisiert wurde, dass Ibn Miskawayh die Unterschiede zwischen diesen Vorstellungen nicht ausreichend geklärt habe.5

Ethik und die Entwicklung des Charakters

Die Moralphilosophie fragt danach, wie Menschen gut handeln und leben können. Für Ibn Miskawayh ist dabei die Entwicklung des Charakters besonders wichtig. Sein ethisches Hauptwerk ist unter dem Titel Tahḏīb al-aḫlāq wa-taṭhīr al-aʿrāq bekannt. Darin untersucht er, wie Menschen gute Haltungen entwickeln und ihr Verhalten verbessern können.6

Warum Menschen Freundschaften brauchen

Ibn Miskawayh behandelt Freundschaft und Liebe im selben Kapitel. Er zeigt, was beide verbindet und worin sie sich unterscheiden. Sein Ausgangspunkt lautet: Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen andere Menschen und können sich nicht allein entfalten.

Jeder Mensch hat Grenzen und Schwächen, die er nicht aus eigener Kraft überwinden kann. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit anderen für seine Entwicklung unverzichtbar. Freundschaft soll nach Ibn Miskawayh dazu beitragen, den eigenen Charakter zu verbessern. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer Reinigung und Vervollkommnung der Seele. Gemeint ist das Ziel, schlechte Gewohnheiten zu überwinden und gute Eigenschaften zu entwickeln.7

Was Menschen miteinander verbindet

Nicht jede Freundschaft beruht auf denselben Gründen. Manche Beziehungen entstehen vor allem, weil Menschen gemeinsam Spaß haben oder einen persönlichen Vorteil suchen. Solche Verbindungen können schnell zerbrechen, wenn das gemeinsame Interesse wegfällt.

Andere Freundschaften beruhen auf einer besonderen geistigen Verbundenheit. Auch sie bereiten Freude. Diese entsteht jedoch vor allem dadurch, dass Menschen ähnliche Gedanken und Werte teilen. Ibn Miskawayh beschreibt dies als eine Fähigkeit der Seelen, einander zu erkennen und sich verbunden zu fühlen.8

Daraus folgt für ihn aber nicht, dass Menschen ausschließlich solche Freundschaften suchen sollten. In einer Gesellschaft begegnen sie unterschiedlichen Menschen und gehen verschiedene Beziehungen ein. Auch wer eine tiefe geistige Freundschaft pflegt, soll deshalb für andere Formen des Miteinanders offenbleiben.

Drei Formen der Freundschaft

Ibn Miskawayh unterscheidet drei Formen von Freundschaft. Die erste beruht auf Vergnügen. Solange die Beteiligten Freude an ihren gemeinsamen Erlebnissen haben, bleibt die Beziehung bestehen. Fällt diese Freude weg, kann sie zerbrechen. Ibn Miskawayh ordnet diese Form vor allem jungen Menschen zu.

Die zweite Form beruht auf Nutzen. Die Beteiligten bleiben befreundet, solange sie voneinander profitieren. Diese Form verbindet er besonders mit älteren Menschen. Beide Alterszuordnungen gehören zu seinem historischen Denkmodell. Sie sind keine festen Regeln dafür, wie Jugendliche oder ältere Menschen Freundschaften führen.

Die dritte Form beruht auf dem Guten. Hier schätzen Menschen einander wegen ihres Charakters. Ibn Miskawayh spricht von tugendhaften Menschen. Tugenden sind gute Haltungen wie Gerechtigkeit, Besonnenheit und Großzügigkeit. Weil er das Gute als beständig versteht, hält er auch diese Freundschaften für besonders dauerhaft.9

Freundschaften finden und pflegen

Woran lässt sich erkennen, ob jemand ein guter Freund oder eine gute Freundin sein könnte? Ibn Miskawayh empfiehlt, auf das Verhalten zu achten: Wie geht die Person mit ihren Eltern und Verwandten um? Ist sie dankbar? Oder richtet sie ihr Leben vor allem auf Geld und Besitz aus?

Wer eine Freundschaft eingeht, übernimmt auch Verantwortung. Dazu gehört, einander in guten und schwierigen Zeiten beizustehen. Beide sollen die Probleme des anderen ernst nehmen und Hilfe anbieten, ohne erst darum gebeten zu werden. Ebenso wichtig sind ein respektvoller Umgang und die Freude darüber, einander zu sehen. Streit um Kleinigkeiten sollte die Beziehung nicht belasten. Besonders warnt Ibn Miskawayh vor übler Nachrede: Wer hinter dem Rücken anderer schlecht über sie spricht, kann aus Freundschaft Feindschaft entstehen lassen.10

Freundschaften entstehen durch Begegnungen. Deshalb misst Ibn Miskawayh dem Leben in einer Gemeinschaft große Bedeutung bei. Auch wenn viele Kontakte zunächst auf gegenseitigem Nutzen beruhen, können daraus engere Beziehungen wachsen. Zugleich ermöglichen sie einen Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen.

Auch religiöse Zusammenkünfte betrachtet er aus dieser Perspektive. Gemeinsame Gebete, die beiden islamischen Feste und die Pilgerfahrt bringen Menschen zusammen. Nach seiner Deutung fördern sie das Bedürfnis nach Gemeinschaft und stärken die Beziehungen untereinander.11

Die Liebe zu Gott

Neben der Freundschaft zwischen Menschen beschäftigt sich Ibn Miskawayh mit der Liebe zu Gott. Dabei unterscheidet er zwischen dem materiellen Körper und der immateriellen Seele. „Immateriell“ bedeutet, dass die Seele in dieser Vorstellung nicht aus körperlichem Stoff besteht. Körper und Seele haben deshalb unterschiedliche Bedürfnisse.

Das kann zu Spannungen führen. Fasten oder lange Nachtgebete können beispielsweise als geistig erfüllend erlebt werden, obwohl sie den Körper anstrengen. Freude und körperliche Belastung schließen sich in dieser Sichtweise also nicht aus.

Die Seele strebt nach Ibn Miskawayh nach einer Verbindung mit dem Göttlichen. In dieser Darstellung begegnen sich philosophische Überlegungen zur Seele und religiöse Vorstellungen von Gottesnähe. Die Liebe zu Gott gehört damit zu seiner Frage nach einem erfüllten Leben.12

Die höchste Glückseligkeit verbindet Ibn Miskawayh mit einer geistigen Entwicklung, bei der materielle Wünsche an Bedeutung verlieren. Der Mensch soll sich für das Göttliche öffnen und dadurch zu tieferer Erkenntnis gelangen. Das Bild einer Erleuchtung durch göttliches Licht beschreibt diese Vorstellung: Gemeint ist kein sichtbares Licht, sondern eine geistige Einsicht. Wie genau dieses Verhältnis zwischen Mensch und Gott zu verstehen ist, verlangt eine sorgfältige Unterscheidung zwischen philosophischer Erkenntnis und mystischer Erfahrung.13

Fazit

Ibn Miskawayh verbindet Gedanken der antiken Philosophie mit Fragen des religiösen und gesellschaftlichen Lebens. Freundschaft ist für ihn ein wichtiger Teil der persönlichen Entwicklung. Besonders dauerhaft ist sie seiner Auffassung nach dann, wenn Menschen einander wegen ihres guten Charakters schätzen. Zugleich braucht jede Freundschaft Aufmerksamkeit, Unterstützung und einen respektvollen Umgang. Seine Überlegungen führen damit zu einer Frage, die auch heute wichtig ist: Was verbindet uns mit anderen, und wie tragen wir selbst zu einer guten Freundschaft bei?

1 Vgl. Marcotte, R. D. (2011). Ibn Miskawayh’s Tartīb al-Sa‘ādāt [The Order of Happiness]. In Y. T. Langermann (Hrsg.), Monotheism and Ethics: Historical and Contemporary Intersections among Judaism, Christianity, and Islam (S. 141–161), hier S. 141, Brill. Fakhry, M. (1975). Justice in Islamic Philosophical Ethics: Miskawayh's Mediating Contribution. Journal of Religious Ethics, 3(2), S. 243–254, hier S. 243.

2 Vgl. Leaman, O. (2007). Ibn Miskawayh. In S. H. Nasr / O. Leaman (Hrsg.): History of Islamic Philosophy (S. 466–476), hier S. 466, Routledge. Marcotte (2011), S. 141.

3 Vgl. Omar, M. N. B. (1994). MISKAWAYH‘S THEORY OF SELF-PURIFICATION AND THE RELATIONSHIP BETWEEN PHILOSOPHY AND SUFISM. Journal of Islamic Studies, 5(1), 35–51, hier S. 35. https://doi.org/10.1093/jis/5.1.35

4 Vgl. Leaman (2007), S. 467.

5 Vgl. ebd., S. 467–468.

6 Vgl. ebd., S. 468.

7 Vgl. Miskawayh, A. I.-M. (1968). The refinement of character: A translation from the Arabic of Aḥmad ibn-Muḥammad Miskawayh’s Tahdhīb al-Akhlāq (C. K. Zurayk, Übers.). American University of Beirut, hier S. 123. Al-Shaar, N. (2014). Ethics in Islam: Friendship in the Political Thought of Al-tawhidi and His Contemporaries (1st ed.), Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315739144, hier S. 196.

8 Vgl. Leaman (2007), S. 470.

9 Vgl. Miskawaih (1968), S. 125.

10 Vgl. Bhat, M. A. (1986). Miskawayh on Social Justice, Education and Friendship. Islamic Studies 25(2), 197–210, hier S. 204–205.

11 Vgl. Miskawaih (1968), S. 127.

12 Vgl. ebd., S. 125–126.

13 Vgl. Leaman (2007), S. 470–471.

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