Islam in Bosnien und Herzegowina. Eine Geschichte der Vielfalt

Artikel 30.10.2023 Redaktionsteam

Der vorliegende Artikel bietet einen ersten, grundlegenden Überblick zum Themenbereich Islam in Bosnien-Herzegowina ab der Okkupation Bosniens durch Österreich-Ungarn.


Einleitung

Der Islam in Bosnien-Herzegowina hat eine weitreichende und ambivalente Geschichte. Diese Ausführung beginnt ab der Okkupation Bosniens durch Österreich-Ungarn und beschäftigt sich nicht mit dem Leben der MuslimInnen während des Osmanischen Reiches. Es werden die religiösen Strukturen der bosnischen MuslimInnen während des ersten Jugoslawischen Staates erläutert. Auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges geht dieser Beitrag hingegen aus Platzgründen  nicht ein. Ein weiterer Abschnitt widmet sich dem Islam in der SFR Jugoslawien. Im letzten Teil geht der Text auf den Islam in Bosnien seit dessen Unabhängigkeit bis zur Ernennung des heutigen Großmuftis ein. 

Der Islam während der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1878-1918)

Der Umstieg von einer muslimischen auf eine nicht-muslimische Herrschaft sorgte für viele Veränderungen in Bosnien. Gegen diese Neuerungen insbesondere im Bereich des Bildungswesens gab es Widerstand von muslimischer Seite. Denn durch die Okkupation seitens Österreich-Ungarns wurde das traditionell-islamische Bildungswesen verdrängt und durch ein modernes europäisches ersetzt. Nicht nur die muslimische Bevölkerung, sondern auch die muslimischen Gelehrten kritisierten dies, weil dadurch die religiös (in dem Fall islamisch) ausgerichteten Lehrpläne nicht mehr zum Einsatz kommen durften. Die sofortige Änderung des Bildungswesens hatte drastische Folgen für die muslimische Bevölkerung Bosniens. Dies hing damit zusammen, dass diese Änderungen mit einem Sprach- und Schriftwandel einhergingen. Das Arabische, Persische sowie das Türkisch-Osmanische wurden zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrängt und durch diverse slawische sowie weitere europäische Sprachen ersetzt. Diese Änderung der Amtssprachen bedeutete ebenso eine Änderung der arabischen Schrift in die kyrillische respektive lateinische. In weiterer Folge führte dies dazu, dass zahlreiche Angehörige der bosnischen Bildungselite aufgrund dieser Änderungen plötzlich zu Illiteraten wurden, obwohl sie das grundsätzlich nicht waren. Die bosnischen MuslimInnen sahen sich religionstechnisch noch immer mit dem Osmanischen Reich verbunden. Um eine Einmischung von Seiten der osmanischen Herrschaft im europäischen Bosnien zu verhindern, unterstützte die Österreichisch-Ungarische Monarchie die Gründung der ersten autonomen Islamischen Glaubensgemeinschaft in Bosnien (Islamska vjerska zajednica). Das erste Oberhaupt (Reis-ul-ulema) sowie die vier Mitglieder des Obersten Gelehrtenrates (Rijaset) wurden 1882 durch ein Kaiserdekret gewählt. Auch wenn die Regelungen der rein religiösen Angelegenheiten der Glaubensgemeinschaft oblagen, wurde dennoch die Verwaltung der frommen Stiftungen (waqf) durch die Donaumonarchie fremdbestimmt. Diese Fremdbestimmung traf auf viel Gegenwind bei den muslimischen Gelehrten, die schlussendlich die Verabschiedung eines Status über die autonome Verwaltung der Stiftungen bewirkt haben.1

​​​​​​​Der Islam während des Ersten Jugoslawischen Staates (1918-1941)

Die Folgen des Ersten Weltkrieges waren auch in Bosnien deutlich zu spüren. Durch die Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie wurde Bosnien und Herzegowina Teil des Ersten Jugoslawischen Staates, was mit vielen Änderungen, insbesondere für die Gesellschaft, einherging. Allerdings änderte sich die Organisation der Islamischen Glaubensgemeinschaft für die MuslimInnen Bosniens während des Ersten Jugoslawischen Staates nicht. Die Regelungen der internen religiösen Angelegenheiten sowie der Stiftungsverwaltung oblagen weiterhin der Islamischen Glaubensgemeinschaft.2

Die Herausforderungen in dieser Phase waren eher politischer Natur. Durch die Etablierung des Ersten Jugoslawischen Staates – dem ersten Versuch, alle südslawischen Staaten unter einem Dach zu vereinen – stellte sich die Frage nach der nationalen Zugehörigkeit der bosnischen MuslimInnen. Das gemeinsame Merkmal der BosnierInnen war eindeutig die religiöse Zugehörigkeit.  Nicht zuletzt versuchten die Ideologien beider vorherrschender Nationalitäten – Serbien und Kroatien – die BosnierInnen jeweils als SerbInnen bzw. KroatInnen mit islamischem Glauben national zuzuordnen. Auch wenn sich Teile der muslimischen Bevölkerung, insbesondere aus der Bildungselite, damit wohl identifizieren konnten, war die Mehrheit dennoch skeptisch gegenüber dem neuen Staat und der politischen Stellung der MuslimInnen darin. So wurde die Partei der Jugoslawischen Muslimischen Organisation (Jugoslovenska muslimanska organizacija) gegründet, welche die Interessen der muslimischen Bevölkerung auf politischer Ebene vertreten sollte.3

Doch kamen mit der Etablierung des neuen Staates nicht ausschließlich politische, sondern auch religiöse Debatten auf. So entstanden Gruppierungen, meistens aus der Bildungselite, welche für innerreligiöse Reformansätze plädierten. Dabei wurden zahlreiche Vereinigungen sowie auch Zeitschriften gegründet. Zu ersteren gehören unter anderem die Fortschrittlichen Muslime (Napredni Muslimani), zu letzteren die Zeitschrift Reform (Reforma). Neben den säkularen Bewegungen war auch eine Strömung religiöser ModernistInnen festzustellen. Als einer ihrer wichtigen Vertreter galt der von 1913 bis 1930 amtierende Großmufti (Reis-ul-ulema) Džemaludin Čaušević (gest. 1938). Er war unter anderem der Meinung, dass der Islam nicht auf reine Symbolik reduziert werden dürfe (beispielsweise die Legitimität des Tragens von Uniformmützen), sondern vielmehr auf den moralischen und wirtschaftlichen Fortschritt der MuslimInnen ausgerichtet sein sollte. Auch förderten die VertreterInnen dieser Strömung die Bildung von Frauen. Neben der Unterstützung durch einige MuslimInnen stieß Čaušević ebenso auf viel Gegenwind.4

Signifikante Veränderungen für die MuslimInnen im Ersten Jugoslawischen Staat gab es mit der Ernennung der sogenannten Königsdiktatur vom 6. Jänner (1929) durch König Aleksander I., welcher die Verfassung außer Kraft gesetzt hatte. Neben der Auflösung der Partei der Jugoslawischen Muslimischen Organisation sorgte dieser Umbruch für eine Umstrukturierung der Organisation der Islamischen Glaubensgemeinschaft. So wurde das zur Zeit der Donaumonarchie verabschiedete Statut für die autonome Verwaltung der islamischen religiösen Angelegenheiten und der islamischen Stiftungen in Bosnien und Herzegowina5 aufgehoben. Die Ernennung des Großmuftis sowie des Obersten Gelehrtenrates erfolgte durch einen Erlass des Königs. Auch die Leitung und Aufsicht aller Organe der Glaubensgemeinschaft oblag dem jugoslawischen Justizminister. Symbolisch sollte diese Wende durch die Verlegung des Sitzes des Großmuftis von Sarajevo nach Belgrad verdeutlicht werden. Doch mit der Ermordung Aleksanders endete auch die Königsdiktatur, was wiederum für Änderungen in der Verfassung sorgte. Mit der neuen Verfassung von 1936 wurde der Sitz des Großmuftis erneut nach Sarajevo verlegt. Des Weiteren wurden die sechs regionalen Mufti-Ämter abgeschafft und zwei Gelehrtenräte – je einer in Sarajevo und Skopje – formiert. Der neue Reis-ul-Ulema Fehim Spaho (gest. 1942) galt als religiöser Modernist und stieß dementsprechend auf Gegenwind bei Teilen der muslimischen Community. Auch politisch konnten die MuslimInnen in Bosnien keine Einheit bilden.6 „Der Zweite Weltkrieg erreichte die bosnischen Muslime somit ohne nennenswerte politische Führung oder Integrationsfiguren.“7

​​​​​​​Der Islam während der SFR Jugoslawien 1953 – 1992

In den ersten Jahren der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien – bei welcher unterschiedliche Nationen in einem einzigen Staat vereint wurden – konnten sich die bosnischen MuslimInnen bei Volkszählungen lediglich als SerbInnen oder KroatInnen identifizieren.8 Erst während der Volkszählung 1961 konnte man sich zum ersten Mal als Muslim im ethischen Sinne deklarieren und in weiterer Folge wurden bei der Verfassung Bosniens 1963 zum ersten Mal die MuslimInnen als ein Volk Bosnien-Herzegowinas bezeichnet.9 Die offizielle Anerkennung der bosnischen Nation erfolgte allerdings erst 1968. Dabei wurde zwischen einem Muslim im nationalen beziehungsweise im religiösen Sinne lediglich in der Schreibweise unterschieden – so wurde ein Muslim im nationalen Sinne als „Musliman“ bezeichnet, wohingegen ein Muslim im religiösen Sinne als „musliman“ betitelt wurde. Dem ist zu entnehmen, dass in Bosnien die Frage der Religion stark mit der Frage der Nation zusammenhing.10

Die ersten Jahre in Titos Staat widmeten die MuslimInnen in Bosnien der nationalen Anerkennung. Auch bot das kommunistische Regime nicht viel Spielraum für religiöse Diskurse. Dennoch sind religiöse Strömungen festzustellen, wie beispielsweise das Islamische Netzwerk bosnischer Muslime, welches an dieser Stelle exemplarisch behandelt werden soll. Die Gruppierung entwickelte sich in den 1970er Jahren als ein Zirkel in einer Moschee in Sarajevo und umfasste Mitglieder aus unterschiedlichsten Gesellschaftsklassen – dazu gehörten Gelehrte, StudentInnen, säkulare Intellektuelle etc. Zu den wohl bekanntesten Mitgliedern dieses Netzwerkes gehörte Alija Izetbegović (gest. 2003), welcher zeitgleich die Islamische Deklaration veröffentlichte. Zweifelsohne widersprach diese pro-islamische Bewegung dem kommunistischen Regime, weswegen einige Mitglieder auch zu Haftstrafen verurteilt wurden.11 Mit dem Beginn des Zerfalls des jugoslawischen kommunistischen Regimes rückten die AnhängerInnen des Islamischen Netzwerkes in den politischen Vordergrund. Den Höhepunkt bildete dabei die 1990 von Alija Izetbegović gegründete Partei der Demokratischen Aktion (Stranka Demokratske Akcije SDA), welche heute noch mit dessen Sohn Bakir Izetbegović an der Spitze fortbesteht.12

Zweifelsohne hatte der Krieg in Bosnien-Herzegowina von 1992 bis 1995, der mit der Unabhängigkeitserklärung Bosniens begann, den größten Einfluss auf die bosnischen MuslimInnen. „Bereits in den ersten Kriegsmonaten nahmen serbische Truppen rund 70% des bosnisch-herzegowinischen Territoriums ein.“13 Die Aggression gegen die bosnischen MuslimInnen war systematisch aufgebaut – so wurde in erster Linie die Elite inhaftiert (und in weiterer Folge exekutiert) und später jegliche Monumente sowie auch Schriften zerstört, die auf die muslimische Identität der bosnischen BürgerInnen hindeuteten. Dazu gehörte unter anderem die Aladža-Moschee in Foča, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörte, und zahlreiche andere architektonisch und religiös hoch geschätzte Bauten. Eine weitere Ausführung der Aggression würde den inhaltlichen Rahmen dieses Beitrages sprengen.14

​​​​​​​Der Islam nach der Unabhängigkeit Bosniens

Der seit 1991 amtierende Großmufti Jakub Selimoski (gest. 2013) wurde 1995 durch seinen Stellvertreter Mustafa Cerić, Gründungsmitglied der Partei der Demokratischen Aktion, ersetzt. Diesem wurden nicht zuletzt die Politisierung der Religion sowie ein autoritärer Führungsstil vorgeworfen, welcher die demokratischen Strukturen der Islamischen Gemeinschaft missachtete. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen der Glaubensgemeinschaft und der Vereinigung der Imame (Ilmije) mit Halil Mehtić an der Spitze, welcher nicht unter Cerićs Kontrolle stand. Denn Cerić warf Mehtić unter anderem vor, dass dieser die Ausbreitung mehrerer Rechtsschulen in Bosnien begrüße, was zu Unruhen innerhalb der Glaubensgemeinschaft führen könne. 1995 wurden Mehtić und andere Gegner des amtierenden Reis-ul-Ulema ihres Amtes enthoben, was erneut die Verbindung zwischen der Glaubensgemeinschaft und der SDA verdeutlichte.15 Doch mit dem Tod Izetbegovićs 2003 endete auch das islamisch-politische Netzwerk, „dessen Fundament die Dyade Izetbegović – Cerić gebildet hatte“.16

Je näher die Neuwahlen des neuen Reis-ul-Ulema kamen, desto schärfer wurde die Kritik gegenüber Mustafa Cerić. Bei den Wahlen 2005 standen sich Mustafa Cerić und Enes Karić gegenüber. Letzterer konnte sich allerdings nicht durchsetzen. „Bis zum Ende seines Mandats (September 2012) führte Cerić mit eiserner Hand die IG und mischte sich regelmäßig in ausschließlich politische Bereiche ein.“17 Sein Nachfolger, welcher 2012 zum Großmufti ernannt wurde und bis heute amtiert, ist Husein Kavazović, welcher nicht in die Fußstapfen Cerićs trat. Er plädiert nämlich für eine stärkere Trennung zwischen Religion und Politik, was eine Einmischung politischer Akteure in religiösen Angelegenheiten verhindern soll. Dieser Wandel solle dazu beitragen, Stabilität und Einheit zwischen den Religionsgemeinschaften herzustellen. Zu betonen ist allerdings, dass eine komplette Trennung zwischen Religion und Politik in der Praxis kaum durchführbar ist. Die Anstrengungen zur Verfolgung dieses Ziels bleiben daher fortlaufend bestehen.

1 Vgl. Armina Omerika: Islam in Bosnien-Herzegowina und die Netzwerke der Jungmuslime (1918-1983), Wiesbaden: Harrassowitz 2014, S. 17 f.

2 Vgl. ebd., S. 18.

3 Vgl. ebd., S. 22 - 24.

4 Vgl. ebd., S. 25 - 29.

5 Ebd., S. 31.

6 Vgl. ebd., S. 30 - 33.

7 Ebd., S. 33.

8 Vgl. Kerim Kudo: Europäisierung und Islam in Bosnien-Herzegowina. Netzwerke und Identitätsdiskurse, Baden: Nomos 2016, S. 81.

9 Vgl. A. Omerika: Islam in Bosnien-Herzegowina und die Netzwerke der Jungmuslime (1918-1983), S. 254.

10 Vgl. K. Kudo: Europäisierung und Islam in Bosnien-Herzegowina, S. 81 f.

11 Vgl. ebd., S. 97 - 104.

12 Vgl. ebd., S. 147 f.

13 Ebd., S. 171.

14 Vgl. ebd., S. 171 f.

15 Vgl. ebd., S. 235 - 240.

16 Ebd., S. 263.

17 Ebd., S. 273.

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